Worum es hier geht:
Auf der Seite
https://schnell-durchblicken.de/gellert-der-blinde-und-der-lahme
sind wir auf den Inhalt und die Aussage sowie die Bedeutung des Textes von Gellert eingegangen
Hier kommen jetzt weiterführende Informationen für interessierte Schüler und Schülerinnen und vor allen Dingen natürlich auch für Lehrkräfte.
1. Der zeitgenössische Begriff (Gellert & Lessing)
In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff Fabel wesentlich weiter gefasst als heute. Für Autoren wie Christian Fürchtegott Gellert oder später Gotthold Ephraim Lessing war das entscheidende Merkmal der Fabel nicht unbedingt das Personal (Tiere), sondern die Struktur und die Absicht:
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Die Einkleidung: Eine allgemeine Wahrheit wird in einen speziellen Fall „eingekleidet“.
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Die Moral (Affekt): Die Erzählung dient dazu, eine moralische Lehre intuitiv erfassbar zu machen.
Daher nannte Gellert seine Sammlung schlicht „Fabeln und Erzählungen“ (1746/1748), auch wenn darin Menschen, Tiere oder sogar Pflanzen auftreten. Die heutige strikte Trennung (Tiere = Fabel, Menschen = Parabel) war damals in der Praxis noch nicht so zementiert.
2. Die germanistische Unterscheidung
Die moderne Literaturwissenschaft unterscheidet heute tatsächlich sorgfältiger:
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Fabel: Meist anthropomorphe Tiere, die in einer festgefahrenen sozialen Hierarchie agieren. Die Moral ist oft eher pragmatisch oder lebensklug.
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Parabel: Menschen als Akteure in einer Handlung, die auf eine höhere, oft philosophische oder religiöse Ebene verweist. Sie benötigt eine „Transferleistung“ (den Sprung vom Bildelement auf die Sachbedeutung).
In der Wissenschaft wird Gellerts Text oft als „anthropomorphe Fabel“ oder eben als Parabel bezeichnet. Dass Gellert Menschen wählt, ist typisch für die Aufklärung: Es geht um die Vernunft und das soziale Miteinander im direkten menschlichen Kontext („Geselligkeit“), nicht mehr nur um das instinkthafte Verhalten von Tieren.
3. Entstehung und Rezeption im Kontext der Aufklärung
Der Text ist ein Musterbeispiel für den Optimismus der Aufklärung. Während ältere Fabeln oft zeigen, wie der Stärkere den Schwächeren frisst (Wolf und Lamm), zeigt Gellert hier die Überwindung des Defizits durch Vernunft und Kooperation.
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Entstehung: Die Idee des „Blinden und Lahmen“ ist ein Wandersujet der Weltliteratur (schon in der Antike bekannt). Gellert nutzt sie jedoch, um seinen Begriff der „Geselligkeit“ zu definieren – ein Schlüsselwort der Zeit.
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Rezeption: Der Text wurde massenhaft in Lesebücher aufgenommen, weil er perfekt die bürgerlichen Tugenden (Hilfsbereitschaft, Nutzen für die Gemeinschaft) illustriert, ohne religiös-dogmatisch zu sein.
Fazit für die Lehrkräfte
Man kann im Unterricht wunderbar thematisieren, dass die Gattungsgrenzen hier fließen: Es ist eine Fabel nach dem Verständnis des 18. Jahrhunderts (wegen der direkten Lehre), aber eine Parabel nach modernem Gattungsverständnis (wegen des menschlichen Personals und des abstrakten Themas der Gesellschaftsbildung).
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Themenseite:
https://textaussage.de/fabeln-themenseite
— - Videos auf YouTube
https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv36h6ihBXdTYr8kYVb5ogb8
— - Gedichte der Aufklärung – kurz vorgestellt
https://textaussage.de/gedichte-der-aufklaerung-ueberblick-und-beispiele
— - Gedichte der Aufklärung – kurz vorgestellt
https://textaussage.de/gedichte-der-aufklaerung-ueberblick-und-beispiele - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
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