Ingrid Kötter, „Nasen kann man so und so sehen“ (Mat730)

Worum es hier geht

Diese Kurzgeschichte zeigt auf originelle Art und Weise, wie man von seinen Vor-Urteilen – sogar sich selbst gegenüber – befreit werden kann. Ein einziges einfühlsames Gespräch kippt das Selbstbild einer unsicheren Vierzehnjährigen und macht damit die Macht der Außenperspektive sichtbar.

Auf dieser Seite findet ihr eine ausführliche Analyse mit Sinnabschnitten und Dramaturgie, eine Übersicht über die wichtigsten Aussagen, die zentralen sprachlichen Mittel sowie didaktische Anregungen und Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Kurzgeschichten.

1 · Einleitungssatz

Die Kurzgeschichte zeigt, wie ein einziges einfühlsames Gespräch das Selbstbild eines unsicheren Teenagers kippen kann – und macht damit die Macht der Außenperspektive und der Relativierung sichtbar.

2 · Sinnabschnitte mit Dramaturgie

I  Ausgangslage – Eine Vierzehnjährige im Krisenmodus

  • Onkel Thomas kündigt sich an; die Mutter warnt ihn vor Irinas „fürchterliche[r] Laune“
  • Irina steht vor dem Spiegel und fixiert ihre vermeintlichen Makel: zwei neue Pickel, einer „mitten auf der zu großen Nase“ – verglichen mit Manuelas „niedliche[r] Stupsnase“

Der Spiegel ist kein neutrales Objekt – er ist die Bühne des inneren Gerichts. Indem die Erzählerin Irina immer wieder vor dem Spiegel zeigt, macht sie den Körper zum zentralen Konfliktort der Pubertät. Der Leser versteht sofort: Es geht nicht um die Nase, sondern um Selbstakzeptanz.

  • Irina erinnert sich an Onkel Thomas als „schlaksige[n], pickelige[n] Jüngling“ – sie erwartet nichts Gutes
  • Innerer Monolog: „Von mir aus kann er vom Mond kommen.“

Dieser Satz enthüllt die pubertäre Abwehrhaltung durch Übertreibung (Hyperbel). Die Kurzsätze und umgangssprachliche Direktheit der inneren Rede machen die Figur unmittelbar glaubwürdig.


II  Wendemoment – Der Onkel tritt ein

  • Irina will die Tür abschließen – kommt zu spät
  • Erster Blick auf den veränderten Onkel: „Sieht echt gut aus, der Typ. Hat mächtig breite Schultern gekriegt.“ – Syntaxbruch, der Gedanke bricht ab, wechselt ins Nominale

Der abrupte Stilwechsel (elliptische Nominalsätze, Jugendsprache) signalisiert die Überraschung und heimliche Bewunderung Irinas. Der Leser erlebt ihren Gesinnungswandel in Echtzeit – ohne dass er kommentiert wird.

  • Onkel Thomas hebt sie nicht hoch, küsst sie nicht ab – er stellt sich neben sie vor den Spiegel
  • Sein Kompliment: „du bist ja eine richtig hübsche Dame geworden!“
  • Irinas Reflex: „Ach was! Quatsch keinen Käse!“ – aber sie zeigt ihm ihre Nase und fordert Bestätigung

Irina lehnt das Lob verbal ab, sucht aber gleichzeitig den Blick des anderen auf die Problemzone. Das ist hochpräzise beobachtete Psychologie: Ablehnung als Einladung. Dramaturgisch ist das die Öffnung, die das Gespräch erst ermöglicht.


III  Kernszene – Die Umdeutung der Nase

  • Onkel Thomas relativiert die Pickel durch eigene Erfahrung: „Pickel hatte ich in deinem Alter auch. Siehst du noch welche?“
  • Dann der scheinbar ungeschickte Satz: „Du und deine Nase, ihr wachst ja noch.“
  • Irina bricht in Tränen aus – sie versteht es wörtlich als Bestätigung des Maßstabs

Das ist der dramatische Tiefpunkt. Der Onkel agiert zunächst ungeschickt – oder wirkt so. Der Leser weiß noch nicht, ob er trösten oder verletzen will. Diese Spannung hält die Geschichte in der Schwebe.

  • Onkel Thomas korrigiert: Er findet die Nase „schon fast richtig, aber noch ein wenig zu klein“
  • Irinas Reaktion: „Zu klein?????“ – fünf Fragezeichen zeigen die Erschütterung

Die Interpunktion ist hier Stilmittel. Fünf Fragezeichen sind keine Überzeichnung, sondern die präzise Notation einer Weltanschauung, die gerade kippt. Die Kategorie „zu groß“, die Irinas Selbstbild beherrscht, existiert für Thomas schlicht nicht.

  • Thomas erklärt seine Sichtweise: Stupsnasen seien „viel zu niedlich. Zu puppig. Keine frauliche Ausstrahlung.“
  • Irina übernimmt sofort: „Ich? – Nein. – Eigentlich nicht.“

Der Gedankenstrich zeigt das Zögern – das Umdenken in Echtzeit. Das ist psychologisch meisterhaft: Irina wechselt nicht die Überzeugung, sie entdeckt eine, die sie eigentlich schon hatte. Der Onkel hat ihr nicht etwas aufgezwungen, sondern etwas freigelegt.


IV  Auflösung – Verwandlung und Aufbruch

  • Irina umarmt den Onkel spontan und küsst ihn ab – genau das, was sie zu Beginn ablehnte
  • „Oh, Onkel Thomas! Wenn du wüsstest! Du bist prima!“
  • Sie bricht zur Klassenfete auf – die Entscheidung, die zu Beginn ungeklärt blieb, ist gefallen

Der Umkehrschluss ist pointiert: Die Küsserei, die sie fürchtete, wird zur freiwilligen Geste. Die Fete, für die sie keine Energie hatte, lockt plötzlich. Die äußere Handlung spiegelt die innere Verwandlung – das ist klassische Kurzgeschichtendramaturgie: kleiner Auslöser, große Wirkung.

3 · Aussagen der Geschichte

  • Selbstwahrnehmung ist nie objektiv – sie ist immer ein soziales Konstrukt, das durch den Blick anderer geformt wird
  • Schönheitsideale sind arbiträr: Was die Clique als erstrebenswert bewertet (Stupsnase, Manuela), ist aus einer anderen Perspektive unattraktiv
  • Ein einziges authentisches Gespräch kann mehr bewirken als jede gut gemeinte Ermutigung der Eltern
  • Pubertät als Phase der Fremdbewertungsabhängigkeit: Irina braucht nicht Bestätigung, sondern Perspektivwechsel
  • Die Nase ist nicht das Thema – sie steht metonymisch für alle körperlichen Unsicherheiten im Jugendalter
  • Handlungsunfähigkeit (Klassenfete ja/nein) ist oft Symptom innerer Konflikte, nicht äußerer Umstände

4 · Sprachliche und literarische Mittel

Nach denen wird ja immer wieder gefragt. Hier die wichtigsten im Überblick – mit Erklärung und Textbeleg.

Stilmittel Erklärung Textbeleg
Erlebte Rede Wechsel zwischen Erzähler- und Figurenperspektive ohne Anführungszeichen „Sieht echt gut aus, der Typ.“
Innerer Monolog Direkte Gedankenwiedergabe der Figur, ungefiltert „Von mir aus kann er vom Mond kommen.“
Hyperbel Übertreibung zur Darstellung emotionaler Zustände „Diese entsetzlich große Nase!“
Ellipse Syntaktisch unvollständige Sätze für Spontaneität und Tempo „Und dann der Bart! Mensch, hat der sich verändert.“
Metonymie / Symbol Die Nase steht für alle pubertären Körperunsicherheiten Gesamthandlung dreht sich um ein körperliches Detail
Interpunktion als Stilmittel Gedankenstriche und Fragezeichen als Notation innerer Prozesse „Zu klein?????“ / „Ich? – Nein. – Eigentlich nicht.“
Kontrast / Peripetie Irinas Haltung zu Beginn und Ende sind spiegelverkehrt Ablehnung von Küssen → spontane Umarmung und Kuss
Jugendsprache Authentifizierung der Figur, Nähe zum Lesepublikum „Quatsch keinen Käse!“, „prima“, „Tschüss!“
Rahmentechnik Klassenfete als offenes Problem am Anfang – gelöstes Problem am Ende Erst Unentschlossenheit, dann Aufbruch

Eine komplette Liste der sprachlichen Mittel findet ihr auf der Seite:
https://schnell-durchblicken.de/ingrid-koetter-nasen-kann-man-so-und-so-sehen-liste-sprachliche-mittel

5 · Didaktische Überlegungen

Unterrichtsideen · Methoden und Aufgaben

  • Perspektivwechsel: Geschichte aus Sicht der Mutter oder des Onkels nachschreiben
  • Inneren Monolog ausformulieren: Was denkt Irina auf dem Weg zur Fete?
  • Rollenspiel: Beratungsgespräch – wie könnte man Irina anders ansprechen als Thomas?
  • Sprache analysieren: Stellen markieren, an denen die Erzählperspektive wechselt (erlebte Rede / Dialog)
  • Anschlussthema: Schönheitsideale in sozialen Medien – Bildvergleich und Diskussion
  • Kreatives Schreiben: Fortsetzung auf der Klassenfete – begegnet Irina Manuela?
  • Vergleichstext: Kurzgeschichte mit ähnlichem Thema (z. B. Körperbild, Fremdwahrnehmung) gegenüberstellen

Lebensrelevanz · Was Jugendliche mitnehmen können

  • Eigene Körperkritik hinterfragen: Woher kommt das Ideal, an dem ich mich messe?
  • Der Wert von Menschen, die ehrlich und ungewohnt sprechen – nicht die übliche Ermutigung
  • Erkenntnis: Selbstbild lässt sich verändern – nicht durch Willenskraft, sondern durch neue Perspektiven
  • Klassendynamiken reflektieren: Wer bestimmt, was „attraktiv“ ist – und warum folgen wir dem?
  • Resilienz: Eine Stimmung ist kein Schicksal – die Geschichte zeigt, wie schnell sich Handlungsspielraum öffnen kann

Die Geschichte eignet sich besonders gut als Einstieg in Körperbildthemen, weil sie das Thema über eine Beziehungsdynamik entfaltet statt über Belehrung. Der Schlüsselmoment – Thomas dreht die Bewertungskategorie einfach um – lässt sich hervorragend als Gesprächsanlass nutzen: Was wäre ein ähnlicher Perspektivwechsel im Alltag der Schülerinnen und Schüler?

Sprachlich ist die Geschichte anspruchsvoller als sie wirkt – die Übergänge zwischen erlebter Rede, innerem Monolog und Dialog lassen sich präzise herausarbeiten und sind ein guter Einstieg in Erzählperspektiven.

6 · Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Kurzgeschichten

Die Kurzgeschichte „Nasen kann man so und so sehen“ von Ingrid Kötter thematisiert die typischen Selbstzweifel während der Pubertät, die Fixierung auf vermeintliche körperliche Makel und wie ein Perspektivwechsel durch eine Bezugsperson das Selbstbild positiv verändern kann. Hier sind Geschichten, die sich für einen Vergleich besonders eignen:

Pubertät, Körperbild und der Blick in den Spiegel

  • Sabrina Eisele, „Momente“: Die Protagonistin fühlt sich in ihrer „perfekten“ Familie als hässliche Versagerin – fettige Haare, Scham vor der perfekt geschminkten Mutter. Wie Irina steht sie vor dem Spiegel und sucht nach Gründen, warum andere sie ablehnen könnten. Beide Texte zeigen, wie sehr Jugendliche unter dem Druck leiden, einem Schönheitsideal zu entsprechen.
    https://schnell-durchblicken.de/sabrina-eisele-momente-erzaehltechnik
  • Margret Steenfatt, „Im Spiegel“: Achim betrachtet sein blasses Gesicht mürrisch im Spiegel. Während Irina durch den Zuspruch ihres Onkels eine positive Wendung erlebt, wählt Achim den Weg der Zerstörung: Er bemalt den Spiegel mit einer Maske und zertrümmert ihn. Gut gegenüberstellbar: Selbstakzeptanz vs. Aggression.
    https://textaussage.de/margret-steenfatt-im-spiegel-infos-und-tipps-fuer-die-schule
  • Sibylle Berg, „Nora hat Hunger“: Nora ist besessen von ihrem Körpergewicht und empfindet „Fleisch“ als hässlich. Im Vergleich zu Irina zeigt Nora eine extremere, pathologische Form der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.

Schein vs. Sein (Außen- und Innensicht)

Die Rolle der Familie und Wendepunkte durch Bezugspersonen

Fazit für den Vergleich: Während Kötters Geschichte eher leichtfüßig und humorvoll zeigt, wie ein neuer Blickwinkel das Selbstvertrauen stärkt, beleuchten Texte wie „Momente“ oder „Im Spiegel“ die tieferen, schmerzhafteren Abgründe dieser Lebensphase. Ein Vergleich schärft den Blick dafür, wie wichtig Kommunikation und Empathie für Jugendliche sind, um aus ihrer Isolation auszubrechen.

Weitere Infos, Tipps und Materialien