Jan Wagner, Unterwegs im Nebel – was kann man bei dem Gedicht schnell herausbekommen? (Mat8691)

1. Hinweis für Abiturjahrgänge ab 2025

Aktueller Nachtrag für die Abiturjahrgänge 2025ff

Es gibt immer noch erstaunlich viele Zugriffe auf diese Seite. Das freut uns – es wäre aber auch schade, wenn wir unsere Hilfestellung nicht auch denen anbieten könnten, die das Abitur noch nicht hinter sich haben. Wir freuen uns immer über Fragen und Anregungen.

2. Zur Überschrift

Im Zentralabitur Bayern soll im April das folgende Gedicht drangekommen sein. Ganz gleich, ob es stimmt – es ist eine der Herausforderungen, die wir so lieben.

Freundlicherweise hat der Verlag einen Teilabdruck des Gedichtbandes veröffentlicht:
https://files.hanser.de/Files/Article/ARTK_LPR_9783446250758_0001.pdf

Dort ist das Gedicht auf S. 19 von 26 zu finden.

Aus urheberrechtlichen Gründen verzichten wir auf den Abdruck hier, sondern spielen bei dem Gedicht den Speed-Trainings-Prozess durch, den wir in einem Video vorgestellt haben.

Trigger-Warnung: Alle, die sich nur einfach freuen wollen nach der Klausur, sollten das Folgende vielleicht nicht lesen – denn wir können uns irren und vielleicht falsche Hoffnungen oder Befürchtungen wecken.

Die Überschrift nennt ungefähr eine Situation, die durch zwei Elemente bestimmt ist:

  • zum einen durch das Unterwegs-Sein, möglicherweise im Auto
  • und dann gibt es Nebel – mit dem sind auf jeden Fall mögliche Gefahren verbunden
  • Der Autofahrer kann in einen Unfall verwickelt werden, der Wanderer kann sich verirren

3. Anmerkungen zur Strophe 1

  • Die erste Strophe klärt die Situation in Richtung Erlebnis auf der Autobahn.
  • Es folgen etwas seltsame Vorstellungen in Frageform: zum einen eine Aufwärtsbewegung der Autobahn in die Wolken hinein – was zunächst fantastisch wirkt.
  • Noch seltsamer ist die Gegenbewegung: Wolken – durch Personifizierung – haben sich entschlossen, den „Schlaf von Jahrhunderten zwischen uns nachzuholen“.
  • Am leichtesten verständlich wird das, wenn hier dichter Nebel beschrieben wird – in einer Übertreibung mithilfe des Bildes vom Schlaf von Jahrhunderten.
  • Dies klärt auch die erste Vorstellung von der aufstrebenden Autobahn: das Aufgehen im Nebel kann man als Aufsteigen verstehen.

4. Anmerkungen zur Strophe 2

  • Wenn man das erst mal verstanden hat, ist die zweite Strophe leichter zu verstehen.
  • Denn jeder kann nachvollziehen, dass man im Nebel seine Scheinwerfer auf „klägliche Insektenfühler“ reduziert sehen kann.
  • Dass die Sonne verborgen ist und gesucht wird, ist auch klar.
  • Abschließend der allgemeine Hinweis auf das sich ausbreitende Gefühl, dass alles kleiner und enger wird.

5. Anmerkungen zur Strophe 3

  • Die dritte Strophe konkretisiert die Perspektive durch einen Blick auf die Armaturen, deren Licht in dieser Nebellandschaft noch unwirklicher wirkt als normal.
  • Es folgt die Vorstellung, dass dieses Licht jetzt nur noch „Waben aus Blech“ erhellt – ein schönes Bild für das bisschen Sicherheit, das noch vorhanden ist.
  • Das Wabenbild steht zugleich für das Eingeschlossensein.
  • Noch einmal der Hinweis auf die klein gewordene Welt, die im Wesentlichen nur noch die nächste Fahrbahnmarkierung erfasst.
  • Ein schöner Einfall ist, die Situation als einen beschränkten Horizont zu beschreiben, der gerade mal zu den Bremsleuchten des Vordermanns reicht. Passend zur Tier-Metaphorik ist dann auch die Vorstellung des Kriechens.
  • Auch die Vorstellung, dass die müden Blicke sich per Seil am Vordermann festmachen, kann gut nachvollzogen werden.

6. Anmerkungen zur Strophe 4

Die nächste Strophe geht auf das ein, was das Autoradio noch präsentiert. Nicht ganz klar ist die Verbindung mit der Vorstellung einer Brücke, die anscheinend mehr verspricht, als jetzt gegeben ist. Auch das kann man vor dem Hintergrund des Nebels verstehen.

7. Anmerkungen zur Strophe 5 und zur letzten Zeile

  • Die nächste Strophe wendet sich dem Gegenverkehr zu und empfindet einen dort fahrenden LKW als lautlos und rätselhaft.
  • Das führt zum Fantasiebild eines Wales, der kurz mal eben aus dem Meer auftaucht.
  • Die darauffolgende Strophe überträgt das auf die eigene Situation in dieser Nebelatmosphäre: Das lästige Naturphänomen wird verbunden mit der Vorstellung eines Schildes an der Hoteltür, das jede Störung ausschließen will.
  • Die letzte Zeile zeigt die Reduzierung des Bewusstseins des lyrischen Ichs: Es spricht nur noch von „irgendeinem Hotel“ und einer „Stadt ohne Namen“.

8. Gesamteindruck

  • Ein Gedicht, das die Situation bei einer Autofahrt auf der Autobahn im Nebel sehr fantasievoll und gefühlsintensiv ausgestaltet.
  • Das ist der große Vorzug dieses Gedichtes.
  • Der große Nachteil scheint auf den ersten Blick zu sein, dass es darüber nicht hinausgeht.
  • Aber vielleicht fällt uns dazu noch mehr ein, vor allem wenn wir recherchiert haben, was es mit der „probebohrung im himmel“ auf sich hat.

9. Update: Deutung als Internet-Kritik

In einem Kommentar zu unserem Video ist folgender Interpretationsvorschlag gemacht worden:

  • Idee: Man könne das Gedicht als Kritik am technischen Fortschritt und der Beeinflussung durch Computer und Internet verstehen.
  • Der Nebel stehe dann für das Internet, das die Menschen umgibt und in einen Wabenkäfig einsperrt, woraus es kein Entkommen gibt.

Dazu einige Anmerkungen auf der Analyse-Ebene:

  • Immerhin ist von Wolken die Rede – ob das Cloud-Phänomen zur Zeit der Entstehung des Gedichtes, wohl vor 2001, schon bekannt ist, macht letztlich nichts, weil es um die heutige Ebene des Verständnisses geht.
  • Statt der Sonne gibt es nur noch das spärliche Licht der Armaturen – die Nutzer werden aneinandergekettet, heute würden wir sagen: durch soziale Netzwerke.
  • Dann bei den Radiofrequenzen der Verdacht, dass sie nur vorgeben, das „Tor nach draußen zu sein“.
  • Am Ende der Hinweis auf einen Nebel, „den man beharrlich über uns hängen ließ“.
  • Die Zeile mit Hotel und Stadt deutet Beliebigkeit an, wie sie auch als Kennzeichen der Internet-Welt angesehen werden kann.
  • Fazit: Wir waren erst sehr skeptisch – aber je mehr wir uns mit dem Ansatz beschäftigt haben, desto mehr fing er an, für uns stimmig – oder zumindest möglich zu werden.

10. Update: Deutung als Traum

  • Dann hat jemand im Kommentar geschrieben, dass er die Bilder und eine gewisse Verwirrung als Traum verstanden hat.
  • Zunächst waren wir skeptisch, weil unsere Erklärungen näher am Text sind – also ohne das Hilfsmittel „Traumvorstellung“ auskommen.
  • Dann ist uns allerdings unser Kafka eingefallen, dessen Erzählungen wir fast immer als in der Regel unangenehme, bedrohliche Träume interpretieren – und der gute Kafka spricht auch nicht von Traum.
  • Fazit: Wichtig ist, die eigene Erklärung möglichst als notwendig darzustellen und sie nachvollziehbar zu präsentieren.

11. Abschließende Einschätzung (Update 29.4.2024)

  • Das Besondere bei diesem Gedicht ist, dass es von sich aus keinen Sinn andeutet – in gewisser Weise bedeutungslos ist.
  • Da ist einer im Nebel unterwegs und lässt seine Fantasie und seine Assoziationen frei und sehr individuell spielen. Das darf ein Schriftsteller.
  • Leider ist der Deutschunterricht auf solche Gedichte nicht wirklich eingestellt. Dort wird immer nach Sinn gesucht – und wenn ein Gedicht mal keinen liefert, müssen die Schülerinnen und Schüler sich genauso viel einfallen lassen wie der Schriftsteller.
  • Man kann gespannt sein, was da im Erwartungshorizont steht. Der muss eigentlich genau diese Spielräume auch zulassen – mit entsprechend guten Noten für Kreativität.
  • Die Lösung für den nächsten Abi-Jahrgang besteht dann in drei Schritten: erstens beschreiben, wie „sinnlos“ das Gedicht von sich aus ist – dann eine eigene Sinndeutung entwickeln – und schließlich zeigen, inwieweit sie zum Gedicht passt und für uns heute Sinn anbietet.

Wir haben jedenfalls durch die Kommentar-Diskussion zu diesem Gedicht viel gelernt – danke und alles Gute für die Zukunft 🙂

Die Erfahrung auch hier: Austausch macht klüger. Die Beispiele haben gezeigt, dass dieses Frage- und Antwortspiel nicht nur den Fragesteller klüger macht. Auch wir haben hier etwas dazugelernt.

Näheres findet man auf dieser Seite:
https://schnell-durchblicken.de/langfristige-abiturvorbereitung

Wir wünschen allen, die mit dem Fach Deutsch durch sind – weiterhin viel Erfolg.

Fragen und Anregungen können auf dieser Seite abgelegt werden:
https://textaussage.de/schnelle-hilfe-bei-aufgaben-im-deutschunterricht

Ganz zum Schluss: Was Jan Wagner zu Gedichten sagt

Weitere Infos, Tipps und Materialien

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