
- „Wozu ist Literatur eigentlich gut?“ – diese Frage hört man im Deutschunterricht immer wieder.
- Wir zeigen es hier an einem Beispiel: einer kurzen, witzigen Geschichte über einen Briefträger, der zu hilfsbereit ist.
- Sie führt uns zu großen Fragen: Was heißt eigentlich Integration? Was bedeuten Wörter wirklich? Und was hat Sokrates damit zu tun?
- Einfach überraschen lassen 😉
Worum es hier geht: Wozu ist Literatur gut?
In der Schule taucht häufig die Frage auf: Wozu ist Literatur eigentlich gut? Weil wir selbst immer wieder die Erfahrung machen, dass Gedichte, Kurzgeschichten, aber auch ganze Romane wirklich etwas Besonderes leisten, stellen wir hier mal ein Beispiel vor.
Es geht um die Kurzgeschichte „Günders Grenzen“ von Sabine Trinkaus. Ausführlich – Abschnitt für Abschnitt – sind wir auf sie auf dieser Seite eingegangen:
Sabine Trinkaus, „Günders Grenzen“ – die Kurzgeschichte Schritt für Schritt verstehen
https://schnell-durchblicken.de/trinkaus-guenders-grenzen
Der Text Abschnitt für Abschnitt mitgelesen: Signale, Erwartungen, Aussagen und die Mittel der Satire.
Hier dagegen schauen wir, was diese kleine Geschichte über sich selbst hinaus leisten kann.
Erste Ebene: Pflicht gegen Menschlichkeit
- Zunächst einmal stellt die Geschichte einen ganz normalen Konflikt zwischen Menschlichkeit und Berufsverpflichtung dar.
- Es geht nämlich um einen Postzusteller, der auf seinem Dienstweg immer wieder auf Menschen trifft, die Fragen oder besondere Bedürfnisse haben.
- Dabei vernachlässigt er seine Dienstpflicht – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie wird für ihn „nachrangig“, und er kümmert sich erst mal um die menschlichen Bedürfnisse anderer.
- Damit kommt er natürlich in Konflikt mit seinem Vorgesetzten und letztlich dem Arbeitgeber, der auch Interessen zu vertreten und zu berücksichtigen hat.
Das wäre schon mal ein erster schöner Diskussionspunkt, zu dem die Geschichte anregt. Aber sie hat noch mehr zu bieten.
Egzons Frage: Wer neu ist, denkt genauer nach
Eine der Hilfestellungen des Briefträgers besteht darin, dass ein Albaner sich auf das Gespräch mit der Einbürgerungsbehörde vorbereiten muss. Nun ist er bei der Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau angelangt – und darüber denkt er als sprachlicher „Newcomer“ viel intensiver nach als der „sprachgewandte“ Deutsche (übrigens ein sehr verräterisches Attribut ;-).
Wir zitieren wegen ihrer Bedeutung diese Passage aus der Kurzgeschichte etwas ausführlicher: das Originalzitat in Kursivschrift, unser Kommentar eingerückt.
- Egzon bereitete sich akribisch auf das Gespräch mit der Einbürgerungsbehörde vor.
- Egzon ist ein Albaner, der sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemüht und ein entsprechendes Prüfungsgespräch vor sich hat, in dem es um seine Integration in die Kultur des Aufnahmelandes geht.
- Etwas zu akribisch, wenn man Iskender fragte, obgleich er Gründlichkeit im Prinzip sehr schätzte. Natürlich fühlte er sich dennoch geschmeichelt, als Fachmann für deutsche Leitkultur um Rat gefragt zu werden. „Halten Sie es für einen Fortschritt, dass Männer und Frauen in Deutschland kraft des Gesetzes gleichberechtigt sind?“, zitierte Egzon etwa. Eine leichte Frage, fand Iskender.
- Iskender ist der Postzusteller, der selbst Migrationshintergrund hat, aber bereits voll integriert ist.
- Offensichtlich hat er die deutsche Kultur schon komplett angenommen, gewissermaßen verinnerlicht. Genau das ist ein Problem, wie sich jetzt herausstellt:
- Egzon jedoch wollte zunächst klären, ob Fortschritt in diesem Falle eher die bewertete Veränderung des Zustandes oder das wertfreie Näherkommen an ein Ziel meinte. Ungeklärte Axiome, so sagte er, könnten zu grauenvollen Missverständnissen führen.
- Das ist natürlich voll der Hammer, wie man heute spontan sagen würde, ohne sich den Zwängen einer Kommunikation in gehobener Schriftsprache zu unterwerfen 😉
- Dieser zugewanderte Albaner zeigt mehr Verständnis für sprachliche Phänomene und auch die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme als das vermeintlich erfolgreiche Objekt von „Enkulturation“.
Näheres zu dem Begriff und dem Phänomen hier:
Enkulturation – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Enkulturation
Erklärt, wie Menschen in die Kultur ihrer Umgebung hineinwachsen und sie verinnerlichen.
Das Problem hinter der Frage: die „Universalien“
Hinter Egzons Frage steckt übrigens ein viel grundsätzlicheres sprachliches Problem, nämlich das der sogenannten „Universalien“. Wir meinen damit die Begriffe, die sich nicht mehr auf ein ganz bestimmtes, klar definiertes Phänomen beziehen, sondern eine Gattung bezeichnen.
Man sieht das schön am Wort „Spiel“, das das, was ein Kleinkind im Sandkasten macht, genauso umfasst wie das Spiel von zwei Fußballvereinen, in dem es um Riesensummen an Geld geht.
Ansatzweise eingegangen worden ist auf dieses sprachliche Phänomen und zugleich Problem in einem Blog-Beitrag von Anders Tivag:
Anders Tivag, Blog 2: Die Beschränktheit der reinen Begriffe
https://textaussage.de/anders-tivag-blog-2-die-beschraenktheit-der-reinen-begriffe
Warum allgemeine Begriffe oft mehr verdecken als klären – mit Beispielen aus dem Alltag.
Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht hier nicht darum, ob die Frage der Figur des Albaners sich inhaltlich am Ende als berechtigt herausstellt. Die Rechtfertigung liegt schon in der Infragestellung von etwas scheinbar Selbstverständlichem.
Sokrates: Wissen, dass man nichts weiß
Übrigens soll der bekannte Satz des Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ eigentlich sinngemäß gelautet haben:
- Ich weiß, dass ich nichts weiß.
- Und damit weiß ich schon mehr als die,
- die glauben, alles zu wissen.
Tatsächlich findet sich dieser Gedanke sinngemäß in Platons „Apologie“: Sokrates hält sich dort für ein wenig weiser als andere, weil er nicht glaubt zu wissen, was er nicht weiß. Wir finden das Statement so provokativ, dass wir es hier gerne zur Diskussion stellen – und Egzon ist ein schönes Beispiel dafür.
Der Schluss: Was der Chef mit „Integration“ meint
Gehen wir mit der Kurzgeschichte noch einen Schritt weiter: Am Ende äußert der Vorgesetzte seine Enttäuschung über diesen Postzusteller, den er doch immer für ein „Musterbeispiel gelungener Integration“ gehalten hat.
- Ihm ist gar nicht klar, dass das auch schon wieder ein Beispiel für eine „Universalie“ ist.
- Er meint nämlich nur die Integration in die hiesigen Wirtschaftsgepflogenheiten.
- Als aufmerksamer Leser erkennt man, dass es vielleicht auch eine Seite unserer Kultur gibt, nämlich Menschlichkeit, die dem Zugewanderten vielleicht mehr bewusst ist als dem Objekt einer partiellen „Enkulturation“.
- Und plötzlich bekommt Egzons Satz von den „ungeklärten Axiomen“ und den „grauenvollen Missverständnissen“ eine ganz neue Bedeutung.
Integration überall – vom Erwachsenwerden bis zum Lehrerzimmer
Wir verweisen hier abschließend noch einmal auf unsere eingehende Betrachtung der Kurzgeschichte:
Sabine Trinkaus, „Günders Grenzen“ – die Kurzgeschichte Schritt für Schritt verstehen
https://schnell-durchblicken.de/trinkaus-guenders-grenzen
Die ausführliche Seite zur Geschichte – mit Abschnitten, Signalen, Aussagen und Ideen für eigene Weiterführungen.
Dort verweisen wir auf viele Integrationsprozesse ganz eigener Art – vom Prozess des Erwachsenwerdens bis hin zum rollengesteuerten Verhalten, dem man zum Beispiel im Militär oder in der Politik ausgesetzt ist. Vielleicht sogar manchmal als Lehrkraft gegenüber den „Anbefohlenen“ 😉
Und das ist dann die Antwort auf die Ausgangsfrage: Eine kleine Geschichte über einen zu hilfsbereiten Briefträger bringt uns zum Nachdenken über Sprache, über Integration und über die Grenzen dessen, was wir für selbstverständlich halten. Genau das kann Literatur leisten.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Sprache – vor allem mit Bezug zu Rhetorik, Werbung, Politik, aber auch zur Welt
https://textaussage.de/sprache-rhetorik-werbung-politik-themenseite
Unsere Themenseite zur Sprache – von der Rhetorik bis zur Frage, wie Sprache unsere Sicht auf die Welt prägt. - Infos, Tipps und Materialien zum Thema „Literatur“
https://textaussage.de/literatur-themenseite
Die Themenseite rund um Literatur: was sie ist, was sie kann und wie man mit ihr arbeitet. - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
Der Einstieg in alle weiteren Themen des Deutschunterrichts.