Klausur: Lessing, „Nathan der Weise“, 2-5: Kommunikation zwischen Nathan und Tempelherr

Worum es hier geht:

Wir wollen exemplarisch, also beispielhaft zeigen, wie man eine Szene aus einem Drama/Theaterstück analysiert.

Anschließend geht es darum, wie man eine Frage „erörtert“, die sich aus der Analyse ergibt.

Was an Szenen von Theaterstücken so interessant ist:

Das kann jeder überspringen, der das schon weiß und einfach nur scharf auf die Aufgabe ist.

Es macht auf jeden Fall mehr Spaß, wenn man weiß, worum es eigentlich geht und worauf es ankommt.

  • Dramen bzw. Theaterstücke:
    Das Besondere an ihnen: Es wird irgendein Konflikt auf die Bühne gebracht.
  • Der kann
    • gut enden und auch lustig sein, dann ist es eine Komödie.
    • Oder es nimmt ein bitteres Ende – dann hat man eine Tragödie.
  • Wenn nun solch ein Drama in der Schule besprochen wird, dann geht es darum, wie dieser Konflikt sich entwickelt bzw. verändert.
Die 5 Fragen bei einer Szenenanalyse:
  • In einer sogenannten „Szenenanalyse“ muss man in der Schule erst mal schauen:
    • worum der Streit geht,
    • wie der Stand zu Beginn der Szene aussieht,
    • wie er sich entwickelt und
    • schließlich, wie der Stand am Ende ist.
    • Dann kann man abschließend überlegen, welche Bedeutung die Szene für das gesamte Theaterstück hat.
    • Alles eigentlich ganz einfach – das eine ergibt sich aus dem anderen.
    • Nur eine Kleinigkeit sollte noch geklärt werden:
      Was ist überhaupt eine Szene?
    • Dafür gibt es auch den Begriff „Auftritt“ – er ist eigentlich besser, aber eben kein schönes Fachwort 😉
      • Auf jeden Fall ergibt sich eine neue Szene dadurch, dass die Figuren entweder ganz wechseln wie in Lessings Nathan:
        Dort geht in dem gesamten 1. Akt um die Familie des Nathan.
        Zu Beginn des 2. Aktes gibt es dann drei Szenen am Hof des Sultans.
      • Oder mindestens eine wichtige Figur erscheint neu oder verschwindet. Damit ergibt sich gewissermaßen ein anderes „Reizklima“, was den Konflikt angeht.
Beispiel für das Reizklima einer Szene:
  • Im Falle der Szene 2-5, um die es hier gehen soll, sieht das so aus:
    • In 2-4 unterhalten sich Recha und Nathan – zu ihnen kommt Daja. Die kündigt die Figur an, die dann in der nächsten Szene entscheidend wird, nämlich den Tempelherrn.
    • Sinnvollerweise verschwinden Recha und Daja im Haus – und so gehört die ganze „Szene“ den beiden Kontrahenten, also Gegenspielern. Das sind sie, weil Nathan sich gerne für die Rettung seiner Tochter bedanken möchte, aber der christliche Tempelherr jede Menge Ressentiments gegenüber Juden hat. Spannender kann eine Ausgangsposition nicht sein.
    • Das ist, wie wenn die zunächst heimliche Geliebte eines Mannes plötzlich auf deren Ehefrau trifft, nachdem diese von dem Verhältnis erfahren hat 😉
Ausblick:

Im Folgenden zeigen wir exemplarisch , wie man eine Szene aus einem Theaterstück in den angesprochenen Schritten analysiert.

Später werden wir dann noch zeigen, wie man meistens in einer weiteren Aufgabe einer Klausur eine Frage zum Text „erörtert“, also überzeugend klärt. In diesem Falle wird es so sein, dass man das Geschehen in der Szene 2-5 mit dem in einer anderen Szene vergleichen soll. Einmal geht die Kommunikation gut aus – einmal nicht.

Aufgabenstellung:
  1. Analysieren Sie die Szene 2,5, indem Sie
    1. zunächst ihre Voraussetzungen aus den früheren Szenen heraus klären,

    2. dann zeigen, wie Kommunikation und Interaktion in der Szene ablaufen und

    3. schließlich beschreiben, wie sich durch diese Szene der Grundkonflikt des Theaterstücks verändert hat
  2. Nehmen Sie Kurzstellung zu der Frage, warum es in dieser Szene zu einer Verständigung kommt, während das Gespräch zwischen Daja und Recha in 3,1 im Streit endet.

Tipps zur Lösung:

Achten Sie bei der Lösung besonders auf die folgenden Schritte:

  1. Einleitungssatz mit Angabe des Themas der Szene
  2. Klärung der Voraussetzungen der Szene, bezogen auf ihren Inhalt,
  3. Klärung und Erläuterung der Schritte der Kommunikation und Interaktion zwischen Nathan und dem Tempelherrn,
  4. schließlich Zusammenfassung der Bedeutung der Szene für den weiteren Verlauf des Theaterstücks
  5. Vergleich der Gründe für die gelingende Kommunikation in dieser Szene im Vergleich zum Scheitern der Kommunikation zwischen Daja und Recha in 3,1.
Wie beginnt man am besten bei der Szenenanalyse:

Nun am besten nicht mit der Einleitung. Zwar könnte man schon mal hinschreiben:

  • Bei dem vorliegenden Text
  • handelt es sich um die 5. Szene
  • des 2. Aktes
  • aus Lessings Theaterstück „Nathan der Weise“.
  • Aber dann gibt es ein Problem: Denn normalerweise schreibt man hier auch noch gewissermaßen vorausschauend rein, worum es geht. Man nennt aber das Thema.
  • Das kann man aber erst formulieren, wenn man mit dem Lesen und der ganzen Analyse fertig ist.
  • Also empfehlen wir, schon mal die oben genannten Punkte hinzuschreiben. Bei denen kann man nicht viel verkehrt machen.
  • Das Thema lässt man erst mal offen – oder schreibt nur mit Bleistift hin:
    „In der Szene geht es um ein Gespräch zwischen Nathan und dem Tempelherrn.“
    Bei einer großzügigen Lehrkraft hat man dann schon mal 1 von 3 Punkten sicher.
  • Besser ist es, diese vorläufige Lösung später wieder auszuradieren und etwas Besseres hinzuschreiben.
  • Aber das kommt eben später. Wir nähern uns hier der Lösung Schritt für Schritt.
Klärung der Voraussetzungen: Konfliktstand am Anfang
  • Da es um ein Gespräch zwischen Nathan und dem Tempelherrn geht, ist nur das wichtig, was da eine Rolle spielt.
  • Hier greift man am besten auf eine entsprechende Übersicht zurück:
    https://schnell-durchblicken.de/lessing-nathan-szenen-einordnungshilfe
  • Dann wird Folgendes klar:
    • Der Tempelherr hat Recha gerettet, die sich bei ihm bedanken will und dabei ziemliche Gefühle entwickelt.
    • Der Tempelherr erklärt gegenüber Daja schroff, dass er zu keinem Juden geht.
    • Er wundert sich selbst, dass er überhaupt über Religionsgrenzen hinweg zum Retter geworden ist.
    • Er zeigt angesichts der Attentatspläne des Patriarchen aber auch, dass er so etwas wie Ehre hat und Verantwortungsbewusstsein.
    • Nathan ist gebeten worden, zu versuchen, die Ressentimentschranken beim Tempelherrn zu überwinden:
    • Von daher ist man jetzt gespannt, ob und wie es Nathan gelingt, vor diesem Hintergrund etwas bei dem Tempelherrn zu erreichen.
Hinweis auf ein Video:
Wir haben das Thema hier schon mal vor längerer Zeit in einem Video präsentiert.

Hier findet man die Dokumentation:
https://schnell-durchblicken.de/analyse-ausgangssituation-szene-2-5-lessing-nathan-freundschaft-nathan-tempelherr

Kommunikation in der Szene

Wir kopieren hier zunächst einmal die Entwicklungsschritte des Konflikts rein, wie wir sie auf der folgenden Seite beschrieben haben:
https://schnell-durchblicken.de/beispiel-herausarbeitung-konfliktentwicklung-dramenszene-nathan-2-5

Wir werden sie natürlich noch stärker in Richtung Kommunikation auswerten:

Konflikt-Entwicklung -> Kommunikation

Was wir schon umgeschrieben haben, formatieren wir in blauer Schrift.

1. Gleich am Anfang wird deutlich, mit welcher Einstellung Nathan in das Gespräch geht. Das Problem ist nur, dass der Tempelherr davon natürlich erst mal nichts mitbekommt. Das löst dann gleich negative Entwicklungen aus, die sich leicht hätten verhindern lassen.
  • 1191ff: „Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht mich seine raue Tugend stutzen … Ich mag ihn wohl.“
2+3: Dann zwei eher negative Schritte
  • Nathan verhält sich bei der ersten Annäherung sehr unterwürfig:
    „Verzeihet, edler Franke.“

    „Daß ich mich untersteh‘,
    Euch anzureden.“

  • Der Tempelherr reagiert wiederum sehr kurz angebunden, wie in I,6 bei Daja:
    „Was, Jude? was?“
  • Auch zeigt sich der Tempelherr regelrecht genervt:
    „Kann ichs wehren? Doch / Nur kurz.“
  • und scheut nicht vor abschätzigen Bemerkungen zurück:

    „Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit, / Es für ein andres Leben in die Schanze / Zu schlagen: für ein andres – wenns auch nur / Das Leben einer Jüdin wäre.“

4: Nathan bleibt auf seiner Linie, alles möglichst positiv zu sehen, was der Tempelritter sagt.
  • Er sieht beim Tempelherrn eine „bescheidene Größe“ (1222), die die Ablehnung erklärt.
Man kann sich hier fragen, ob das echte Überzeugung ist oder ein rhetorischer Kniff, mit dem man die Gegenseite entwaffnen will.
Dagegen spricht aber, dass er am Anfang ja nur zu sich selbst spricht. Außerdem entspricht das hier ja auch der positiven Erklärung des Verhaltens des Tempelritters in den ersten Szenen.
Viel bedenklicher ist dann aber, dass sich bei Nathan hier ein ziemliches Maß an Weltfremdheit zeigt, das vielleicht in dieser Szene nur deshalb erfolgreich ist, weil der Autor es will. Das wäre zumindest im weiteren Verlauf der Szene zu überprüfen.
5: Kombination von Beleidigung und erstem Zugeständnis durch den Th
  • Der reiche Jude ist für ihn nicht der bessere Jude (vgl. 1232)
  • Sagt dann aber doch „Nun gut“, was den Mantel angeht
  • Und er interessiert sich für Nathans Innenleben: Er soll nicht so „finster“ (1240) dreinschauen.
6: erneute positive Interpretation -> Verwirrung beim Th
  • Der Fleck vom Brand ist für Nathan ein „bessres Zeugnis“, um was für einen Menschen es sich beim Tempelherrn handelt.
  • Der Tempelherr wiederum gibt zu, dass Nathan ihn „verwirren“ (ca. 1254) kann.
7: Zwei Schritte des Th in Richtung Nathans
  • Nathan argumentiere „sehr spitz“, also intelligent.
  • Und er interessiert sich für seinen Namen.
8: Weiteres Zugeständnis und erneute pos. Interpretion von N
  • „Ich muss gestehen“ – dass Nathan ihn versteht.
  • Nathan unterstützt dass, indem er davon ausgeht, dass der Tempelherr sich nur „verstellt“.
9: Nathans Angebot einer gemeinsamen Basis
  • ca. 1272: Die Idee des „guten Menschen“, die alle verbinden kann
10+11: Letzter Einwand des Th
  • Gerade die Juden hätten doch sich als „auserwähltes“ Volk Gottes geführt,
  • was die Kreuzzüge erkläre, nachdem die Christen und die Muslime die Idee übernommen hätten
12: spontanes Angebot Nathans und Annahme durch Th
  • ca. 1305
    Nathan.       Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester
    Ich nun mich an Euch drängen werde. – Kommt,
    Wir müssen, müssen Freunde sein! – Verachtet
    Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
    Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
    Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?
    Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
    Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
    Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch
    Zu heißen!Tempelherr.       Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!
    Das habt Ihr! – Eure Hand! – Ich schäme mich,
    Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

13: gemeinsame  Sorge um Recha zeigt deutlich den Unterschied zu früher, wo der Th sich sehr abschätzig über „Das Leben einer Jüdin“ (ca. 1218) geäußert hat.

Herausarbeitung der sprachlichen/rhetorischen Mittel:

https://schnell-durchblicken.de/lessing-nathan-2-5-sprache-rhetorik

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Themenseite: „Nathan “
https://textaussage.de/nathan-der-weise-infos-materialien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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