Worum es hier geht:
Der Roman „Heimsuchung“ ist sehr eigenwillig aufgebaut und auch die Erzähltechnik ist zumindest gewöhnungsbedürftig, wenn nicht sogar ein bisschen fragwürdig. Aber das ist wortwörtlich gemeint, nicht als Kritik, sondern als Anregung mal darüber nachzudenken.
Wir sammeln hier Beobachtungen und machen sie an entsprechenden Textstellen fest:
Das machen wir, wie immer, ziemlich ausführlich.
Für die, die es eilig haben, stellen wir hier die zehn wichtigsten Punkte in Form einer Gedankenreise zusammen. So etwas kann man sich leichter einprägen.
Erzähltechnik als Gedankenreise für die Abspeicherung im Kopf
Wir haben unsere ausführliche Untersuchung jetzt mal von NotebookLM in einen 10-Punkte-Ablauf umarbeiten lassen und prüfen jetzt mal, ob man sich das leichter merken kann.
Wichtige Anmerkung: Notwendigkeit der Beschränkung bei der persönlichen „Speicherung“ im Kopf:
Wenn man sich die Dinge einmal so klar gemacht hat, dann hat man sie auch wirklich verstanden. Es kann durchaus auch spannend sein, so viel zumindest nachzuvollziehen.
Für eine mündliche Prüfung sollte man sich hier natürlich ganz wenige Punkte herausgreifen, die dann auch sicher im Kopf verankert sind.
Das könnte zum Beispiel so aussehen:
Frage in der Prüfung:
Inwieweit unterstützt die Erzähltechnik die Aussagen des Romans?
Anwort:
Wir haben mal Stichpunkte fett markiert, damit man sich das einfach auch nur auf eine minimalisierte Art und Weise gewissermaßen auf einen inneren Spickzettel schreiben kann.
- Die zentrale Aussage des Romans ist ja etwas, was man als Minimalisierung des Menschen bezeichnen könnte. Vor dem Hintergrund der großen Spannweite zwischen Prolog und Epilog und der Beschränkung nur auf Heimsuchungen kann man schon den Eindruck gewinnen, dass die menschliche Existenz hier nicht von großer Bedeutung ist.
Damit hat man auch bereits so ziemlich den größten erzähltechnischen Einfall, den dieser Roman zu bieten hat.
Dazu kommen weitere besondere Einzelphänomene.
— - So wird zum Beispiel nicht genauer auf die verschiedenen Figuren eingegangen. Sie sind gewissermaßen nur Beispiele für Heimsuchungen. Wenn etwas Schönes auftaucht, dann in der Erinnerung des Verlustes.
— - Wie sehr die Erzählinstanz, also letztlich die Autorin, hier von ihrer Sicht auf die Dinge ausgeht, erkennt man zum Beispiel an dem Schraubenbeispiel ganz gut.
Dort wird einfach vorausgesetzt, dass man die Hintergründe kennt. Erzählt werden sie nicht. Es geht nur um die Begründung für die Flucht des Architekten.
— - Interessant die Beschäftigung mit der größten Heimsuchung, nämlich dem Schicksal der jüdischen Familie. Beim Mädchen spürt man eine deutliche Mitbetroffenheit, während der Tod des Tuchhändler-Ehepaars aus einer fast schon schrecklich wirkenden Distanz berichtet wird. Man spürt regelrecht, wie die Erzählinstanz bis zu einem bestimmten Punkt mit den Figuren mitgeht, dann aber fast erschrocken zurückweicht.
— - Sehr ausführlich werden die Gedanken des Mädchens beschrieben, aber man merkt an verschiedenen Stellen, dass sich hier eine auktoriale Außenperspektive präsentiert.
- Man kann das auch daran erkennen, dass dieses Mädchen als „versteinert“ bezeichnet wird, obwohl sie eine ganze Welt von Gedanken von sich gibt
- Fazit: ein äußerst origineller, gestalteter Roman, bei dem Aussage und Erzählweise in hohem Maße übereinstimmen.
- Das Problem liegt eher darin, dass Schüler und Schülerinnen hier mit dieser Gesamtaussage allein gelassen werden, was ja den Eindruck von Nihilismus erweckt und in Fatalismus enden kann.
- Das war für uns im Unterricht aber die Herausforderung, dem eine Gegenperspektive entgegenzusetzen, wie sie Goethe in seinem Gedicht „Das Göttliche“ bietet.
— - Dazu passt sehr gut diese Passage aus unserem Youtube-Video
https://youtu.be/znGWVyn-OLs?si=pzjR0Fl1mjdpDl9r
5:00 Herausforderung Schullektüre 5:20 Goethe „Das Göttliche“ als Gegenposition
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Damit hat man ein sehr schönes Beispiel für die Möglichkeit, eine Antwort in einer mündlichen Prüfung als Sprungbrett zu nutzen, um auf ein weiteres Thema zu kommen. Das bringt die Möglichkeit der optimalen Nutzung von Prüfungszeit und macht sicherlich Eindruck bei den Prüfern.
Nun die kompletten 10 Punkte
- Der erste Eindruck – Die eigenwillige Struktur:
Wenn du das „Haus“ des Romans betrittst, merkst du sofort, dass der Aufbau und die Erzähltechnik gewöhnungsbedürftig sind. Es ist kein klassisches Erzählen, sondern eher eine Einladung, über die Art der Darstellung selbst nachzudenken.- MIA: das bedeutet letztlich, dass die Art und Weise des Erzählens und der Strukturierung auch etwas zu tun haben muss mit den Aussagen des Romans.
Wenn man das in einer mündlichen Prüfung hervorhebt, zeigt das tieferes Verständnis und dürfte mehr Punkte bringen.
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- MIA: das bedeutet letztlich, dass die Art und Weise des Erzählens und der Strukturierung auch etwas zu tun haben muss mit den Aussagen des Romans.
- Die Ungewissheit
Wer spricht hier eigentlich?: In vielen Kapiteln, wie bei „Das Mädchen“, erfährst du zunächst gar nicht, worum es geht. Es werden zwar Fakten eingestreut (Name, Alter, Herkunft), aber es bleibt unklar, wer diese Informationen ausspricht, da sie für die Figur selbst zu selbstverständlich wären.- Das kann man so verstehen, dass es das Subjektive, Persönliche unterstreicht und damit auch das Vergängliche.
Goethe und Schiller hätten diesen Figuren so viel Bedeutung zugestanden, dass man Lust bekommt, diesen Menschen zumindest in einer gewissen Hinsicht nachzueifern.
- In diesem Falle wäre es die Art und Weise, wie dieses Mädchen mit der schrecklichen Situation im Schrank zurechtkommt.
- Schiller hätte darin vielleicht sogar so etwas wie eine „schöne Seele“ gesehen, also ein Menschenkummer, der auch unter schrecklichen Umständen für sich den optimalen Weg der Selbstbehauptung findet. Auch wenn es tragisch endet.
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- Das kann man so verstehen, dass es das Subjektive, Persönliche unterstreicht und damit auch das Vergängliche.
- Die erzählerische Hypothese
Hineindenken statt Abbilden: Du kannst davon ausgehen, dass die Autorin hier eher Gedanken und Gefühle präsentiert, die entstehen, wenn man sich heute in eine vergangene geschichtliche Situation hineindenkt. Es ist also eine moderne Annäherung an die Geschichte.- MIA: das ist ein äußerst interessanter Gedanke, mit dem man in einer mündlichen Prüfung auch Punkte machen kann.
- Es ist eine Hypothese und man sollte auch darüber nachdenken, inwiefern sie plausibel erscheint.
- Wenn man den Roman insgesamt liest, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass diese Autorin vorwiegend für sich selbst schreibt. Sie kennt den Hintergrund der Schraubengeschichte, den Lesern wird sie nicht mitgeteilt.
- Das ist möglicherweise ein Merkmal moderner Kunst und damit auch Literatur. Sie will weniger etwas mitteilen als etwas auslösen beim Leser oder Betrachter.
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- Der Bruch in der Perspektive – Kind vs. Erwachsener
Achte darauf, dass die präsentierten Gedanken oft nicht wie die eines zwölfjährigen Mädchens wirken. Es findet eine Kombination aus der Sicht der Figur und der des Erzählers statt, was du kritisch hinterfragen kannst.- MIA: Auch das ist ein sehr interessanter Hinweis. Das sollte man aber am Text des Romans noch mal überprüfen, sodass man in einer Prüfung ein Beispiel zur Verfügung hat.
Siehe dazu die Antwort von NLM, die weiter unten aufgeführt haben. - Es geht um das Phänomen der Verpackung eines Kartons.
„Erst mit dem Tod des Vaters hatte sich erwiesen, daß die Verpackung ihres Gubener Alltags ins Dunkle in Wahrheit eine Vorwegnahme ihrer eigenen Verpackung und beides zusammengenommen etwas Endgültiges war.“
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- MIA: Auch das ist ein sehr interessanter Hinweis. Das sollte man aber am Text des Romans noch mal überprüfen, sodass man in einer Prüfung ein Beispiel zur Verfügung hat.
- Die Position des Erzählers
Der Blick von oben: Oft nimmt der Erzähler eine auktoriale Haltung ein. Er betrachtet die Situation von außen, von später oder „von oben“, was sich an Formulierungen wie „wahrscheinlich vergeht Zeit“ zeigt.- MIA: Schönes Beispiel, wie hier die Erzählinstanz über das fiktive Geschehen nachdenkt.
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- MIA: Schönes Beispiel, wie hier die Erzählinstanz über das fiktive Geschehen nachdenkt.
- Das Motiv der Zeit – Die trennende Kraft:
Die Zeit wird im Text fast wie ein physisches Objekt behandelt. Sie schiebt sich zwischen die Menschen, sperrt sie ein und entfremdet die Figur von ihrem früheren Ich.- MIA: Das ist ein Eindruck, wie er beim Lesen entstehen kann.
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- MIA: Das ist ein Eindruck, wie er beim Lesen entstehen kann.
- Die Vermischung der Ebenen – Mitbetroffenheit
Der Erzähler bleibt zwar in der Gegenwart des Erzählens, wird aber fast zu einer mitbetroffenen Person. Dadurch verschwimmen die zeitlichen Ebenen und Perspektiven miteinander.- MIA: hier wird es insofern interessant kommen, als zum Beispiel bei der Beschreibung des Todes des Tuchhändlers und seiner Frau von direkter Mitbetroffenheit überhaupt nichts zu spüren ist. Man könnte das vielleicht als eine Art Zurückweichen beim Erzählen verstehen.
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- MIA: hier wird es insofern interessant kommen, als zum Beispiel bei der Beschreibung des Todes des Tuchhändlers und seiner Frau von direkter Mitbetroffenheit überhaupt nichts zu spüren ist. Man könnte das vielleicht als eine Art Zurückweichen beim Erzählen verstehen.
- Die Kritik am Sprachbild – „Versteinert“ oder „Eingeklemmt“?
Du kannst in der Prüfung über die Wortwahl diskutieren: Das Mädchen wird als „versteinertes Kind“ bezeichnet. Das wirkt wie eine reine Außenperspektive, da sie innerlich – durch ihre vielen Gedanken – eigentlich alles andere als versteinert, sondern eher in ihrer Lage „eingeklemmt“ ist.- MIA: auch das wieder ein schönes Beispiel dafür, dass die Erzählinstanz hier etwas von außen betrachtet und kommentiert.
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- MIA: auch das wieder ein schönes Beispiel dafür, dass die Erzählinstanz hier etwas von außen betrachtet und kommentiert.
- Alternative Erzählformen – Erlebte Rede und Monolog:
Überlege dir für die Analyse, wie es anders gewirkt hätte. Die „erlebte Rede“ oder ein innerer Monolog hätten die Originalgedanken der Figur vielleicht unmittelbarer und authentischer einfangen können als die gewählte Mischform.- MIA: Auch mit einer solchen Bemerkung kann man natürlich in einer mündlichen Prüfung Zusatzpunkte für sich ergattern.
Das setzt aber voraus, dass man sich darüber im Klaren ist, was die erlebte Rede im Unterschied zur direkten (Gedanken-)Rede ist.
Typisch für die erlebte Rede ist ja gerade, dass die Originalgedanken der Figur präsentiert werden, aber in der Erzähl-Perspektive, das heißt im erzählten Tempus des Präteritums und in der distanzierten Form des Personalpronomens („Sie“ statt „Ich“)
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- MIA: Auch mit einer solchen Bemerkung kann man natürlich in einer mündlichen Prüfung Zusatzpunkte für sich ergattern.
- Das literarische Glanzstück – Die Parallelmontage:
Ein wichtiges Werkzeug im Roman ist die Parallelmontage. Hier werden gegensätzliche Vorgänge gleichzeitig gezeigt: Während die Verfolgten in ihrer Not versuchen, letzte Besitztümer zu retten, wird ihr gesamter Hausrat bereits systematisch von den Nazis versteigert. Dieser Kontrast verdeutlicht die endgültige Vernichtung besonders grausam.- MIA: auch das ist hier eine sehr wertvolle Anmerkung. Etwas ähnliches gibt es ja bei dem Besuch des Tuchhändlers und seiner Frau in Südafrika. Dort kann man beim Lesen ja fast nicht unterscheiden, ob gerade etwas aus der alten Heimat erinnert wird oder etwas Aktuelles im Kopf auftaucht.
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- MIA: auch das ist hier eine sehr wertvolle Anmerkung. Etwas ähnliches gibt es ja bei dem Besuch des Tuchhändlers und seiner Frau in Südafrika. Dort kann man beim Lesen ja fast nicht unterscheiden, ob gerade etwas aus der alten Heimat erinnert wird oder etwas Aktuelles im Kopf auftaucht.
Nun zu unserer ausführlichen Darstellung
Zwischen verstecktem Erzählerkommentar und „erlebter Rede“
Am besten schaut man sich den Anfang des 11. Kapitels an (EB68ff) mit der Überschrift: „Das Mädchen“.
Wir haben das Folgende aus unserer kurzen Kapitelübersicht herausgelöst, weil es dort zu umfangreich wurde für eine Video-Darstellung:
https://schnell-durchblicken.de/quick-guide-roman-heimsuchung-kapitel-das-maedchen
- Typisch für den Erzählstil des Romans erfährt man auch hier wieder nicht, um was es eigentlich geht. Zwar wird kurz eingestreut, dass es sich um „Doris Tochter von Ernst und Elisabeth zwölf Jahre alt geboren in Duben“ handelt.
- Aber man fragt sich natürlich, wer sagt das eigentlich. Das Mädchen wird es wohl kaum denken, denn für sie ist das selbstverständlich.
- Unsere Hypothese: Die Autorin präsentiert eigentlich die Gedanken, und Gefühle, die sie hat, wenn sie sich in eine geschichtliche Situation hineindenkt.
- Das Problem dabei ist nur, dass es dabei eine Kombination gibt von Figurenperspektive und Erzählerperspektive. Im Einzelnen hat man nicht immer den Eindruck, dass das Gedanken eines 12jährigen Mädchens sind. Darauf wäre zumindest zu achten.
- Im Mittelpunkt des Einstiegs in das Kapitel steht die Situation in einem Versteck. Später erfährt man, dass es sich um eine Jüdin handelt, deren Verwandte schon abtransportiert worden sind Richtung Polen – und wir ahnen, es geht in eins der Konzentrationslage.
- Typisch für die besondere Perspektive, die im Roman immer wieder eingenommen wird, ist zum Beispiel die folgende Passage ziemlich am Anfang (EB68). In Kursivschrift der Originaltext – dazwischen unser Kommentar.
- Während sie auf der kleinen Kiste sitzt, und ihre Knie an die gegenüberliegende Wand stoßen, und sie ihre Beine manchmal nach rechts, manchmal nach links schräg stellt, damit sie nicht einschlafen, vergeht Zeit. Wahrscheinlich vergeht Zeit. Zeit, die sie wahrscheinlich immer weiter und weiter entfernt von dem Mädchen, das sie vielleicht einmal war:
- Der Gedankenflug wird überzeugend eingeleitet.
- Spätestens bei „vergeht Zeit“ – hat man das Gefühl, dass hier eine Perspektive von außen aufgemacht wird.
- Man merkt das auch an der Wendung „entfernt von dem Mädchen“.
- Es sind ziemlich eindeutig Gedanken, die letztlich der Autorin gekommen sind, während sie sich in die Situation dieses Mädchens hineindenkt und hineinfühlt.
- Das wäre dann letztlich keine personale Erzählhaltung – sondern eine auktoriale, die eine vorgestellte Situation von oben, von später, von außen betrachtet.
- Doris Tochter von Ernst und Elisabeth zwölf Jahre alt geboren in Guben. Es ist niemand mehr da, der ihr sagen könnte, ob diese Worte herrenlos sind und sich nur zufällig in diese Kammer, in diesen Kopf verirrt haben, oder ob sie wirklich zu ihr gehören. Zeit hat sich zwischen sie und ihre Eltern, zwischen sie und alle übrigen Menschen geschoben, Zeit hat sie mit sich fortgerissen und in diese dunkle Kammer gesperrt. Farbig ist nur noch das, woran sie sich erinnert, mitten in dieser Dunkelheit, die sie umgibt, deren Kern sie ist, farbige Erinnerungen hat sie in ihrem vom Licht vergessenen Kopf, Erinnerungen von jemand, der sie einmal war. Wahrscheinlich war.
- Im selben Stil geht es weiter.
- Wenn man es kritisch betrachtet, wird die Figur eigentlich benutzt, um Gedanken und Gefühle zu präsentieren, die jemand anders hineindenkt.
- Natürlich ist das strenggenommen ein Erzähler und nicht direkt die Autorin. Aber der Erzähler wird hier fast schon zu einer mitbetroffenen Person – die aber trotzdem in der Gegenwart des Erzählens bleibt.
- Also eine ziemliche Vermischung von Zeiten und Perspektiven.
- Wer war sie? Wessen Kopf war ihr Kopf? Wem gehörten jetzt ihre Erinnerungen? Lief die schwarze Zeit immer weiter, auch wenn der Mensch nur noch saß, lief die Zeit immer weiter und riß selbst ein versteinertes Kind noch mit sich fort?
- Besonders am Ende – bei der Bezeichnung des Mädchens – als „versteinertes Kind“ überwiegt die Außenperspektive.
- Diskutieren könnte man, ob dieses Bild zu der Figur überhaupt passt. Denn „versteinert“ ist sie angesichts der vielen Gedanken wohl kaum – eher „eingeklemmt“.
- Anregung: Man könnte mal überlegen, wie die wirklichen Gefühle eines Mädchens sind, das sich in dieser oder einer ähnlichen Situation befindet.
- Vielleicht wäre die „erlebte Rede“ eine günstigere Erzählform gewesen – denn da ist der Erzähler im Tempus und in der Perspektive sichtbar – aber er bemüht sich um Originalgedanken der Figur.
- Das könnte etwa so aussehen:
„Irgendwann reichte es ihr, immer nur anzustoßen und Enge zu spüren. Also beschloss sie, den Ausweg zu nutzen, der ihr immer in schwierigen Situationen des Nicht-handeln-Könnens geblieben war. Sie dachte nach. - Ob ihre Mutter wohl schon in Polen angekommen war. Vielleicht stimmte es ja, was man gehört hatte, dass die Juden dort zu Bauarbeiten eingesetzt wurden – vielleicht auch in Munitionsfabriken.
- An die andere Möglichkeit wollte sie gar nicht denken.“
usw.
Man merkt deutlich, dass man die Gedanken hier durchaus auch in der Ich-Perspektive also als inneren Monolog präsentieren könnte. Man beginnt in der erlebten Rede als Überleitung und macht dann im inneren Monolog weiter.
“ Ob ihre Mutter wohl schon in Polen angekommen war? Vielleicht stimmt es ja, was man gehört hatte, dass die Juden dort zu Bauarbeiten eingesetzt wurden – vielleicht auch in Munitionsfabriken. An die andere Möglichkeit will ich gar nicht denken.“
- Während sie auf der kleinen Kiste sitzt, und ihre Knie an die gegenüberliegende Wand stoßen, und sie ihre Beine manchmal nach rechts, manchmal nach links schräg stellt, damit sie nicht einschlafen, vergeht Zeit. Wahrscheinlich vergeht Zeit. Zeit, die sie wahrscheinlich immer weiter und weiter entfernt von dem Mädchen, das sie vielleicht einmal war:
Parallelmontage
EB75/76: Das ist natürlich ein sehr gutes literarisches Mittel, hier zwei Vorgänge parallel darzustellen, die auf eine entsetzliche Art und Weise gegensätzlich sind.
Während die Verfolgten versuchen, noch etwas für sich zu bekommen (Geld, Buchlektüre), wird alles das, was sie für die Ausreise zusammengestellt hatten, von den Vertretern des Nazi-Systems versteigert, ohne dass sie von dem Geld sicher jemals etwas sehen würden. Dahinter steht sogar die Perspektive endgültiger Vernichtung.
- „Tatsächlich wurde schon Wochen zuvor,
- genau an dem Tag im Juni, an dem ihre Mutter zur Gesia gegangen war, um auf dem Schwarzmarkt die Armbanduhr zu verkaufen,
- und sie selbst auf der Karmelickastraße bei einem Händler das Buch entdeckte, dessen Lektüre ihr die Mutter so lange verwehrt hatte, einen Roman mit dem Titel »Sankt Gunther oder Heimat-los«,
- wurde an genau diesem Tag, an dem sie, auf der Karmelicka stehend und im Gedränge nur schwer ihren Platz behauptend, in dem Buch blätterte und las und froh war, daß der Besitzer des fliegenden Standes nicht genug Kraft hatte, ihr das Lesen ohne Bezahlung zu verwehren,
- wurde an ebendiesem Tag
- ihr gesamter Gubener Hausrat
- in der umgekehrten Reihenfolge, in der ihr Vater und ihre Mutter ihn zwei Jahre zuvor für die Ausreise nach Brasilien in die Container gepackt hatten,
- von Herrn Carl Pflüger und dem ihm beigeordneten Kriminalkommissar Pauschel aus den Containern herausgenommen und für die Versteigerung hergerichtet.“
Beispiele für die Erzählperspektive bei der Darstellung des Mädchens
Die These, dass die Gedanken von Doris oft nicht wie die eines zwölfjährigen Mädchens wirken, lässt sich an den Quellen sehr gut belegen. In dem Kapitel über „Das Mädchen“ verschmelzen die kindliche Wahrnehmung und die reflektierte, hochgradig abstrakte Sprache des Erzählers zu einer Einheit, die über das realistische psychologische Profil eines Kindes hinausgeht.
Ein besonders prägnantes Beispiel für diesen Bruch in der Perspektive ist die musikalisch-philosophische Reflexion über den Tod:
Das Beispiel der Quintenzirkel-Metaphorik
In ihrer Isolation im Versteck denkt Doris über den Übergang vom Leben zum Tod nach und nutzt dabei eine komplexe musiktheoretische Analogie:
„Von C-Dur entfernt man sich über G-Dur, D-Dur, A-Dur, E-Dur, H-Dur bis hin zu Fis-Dur Kreuz für Kreuz immer weiter. Aber von Fis wieder hin zu C ist es nur ein ganz kleiner Schritt. […] unmittelbare bevor man wieder die kinderleichte Tonart C-Dur erreicht, wimmelt es nur so von Kreuzen“.
Kritische Hinterfragung:
- Abstrakte Logik: Zwar wird erwähnt, dass ihr Onkel Ludwig ihr dies erklärt hat, doch die Art und Weise, wie eine Zwölfjährige in einer extremen Todesangst den Quintenzirkel als Modell für das Sterben („der allerkürzeste Weg“) heranzieht, wirkt eher wie eine literarische Konstruktion des Erzählers.
- Existenzielle Tiefe: Doris reflektiert darüber, dass sie am Anfang ihres Weges „um ein genauso Geringes vom Leben entfernt gewesen sein [muss], wie sie es jetzt vom Tod ist“. Diese mathematisch-philosophische Symmetrie des Lebenslaufs entspricht eher dem ordnenden Blick eines erwachsenen Erzählers, der das Schicksal der Figur bereits von seinem Ende her begreift.
Die „Verpackung“ des Lebens
Ein weiteres Beispiel ist die Reflexion über den Umzugskarton: Das Mädchen erkennt (oder der Erzähler lässt sie erkennen), dass die „Verpackung ihres Gubener Alltags ins Dunkle in Wahrheit eine Vorwegnahme ihrer eigenen Verpackung und beides zusammengenommen etwas Endgültiges war“.
Zitat: Beim „Tod des Vaters hatte sich erwiesen, daß die Verpackung ihres Gubener Alltags ins Dunkle in Wahrheit eine Vorwegnahme ihrer eigenen Verpackung und beides zusammengenommen etwas Endgültiges war.“
Die Verwendung des Begriffs „Vorwegnahme“ und die metaphorische Verknüpfung von Umzugskartons, dem Versteck im Schrank und der späteren Vernichtung ist eine hochgradig intellektualisierte Deutung, die die Unmittelbarkeit kindlichen Erlebens überspringt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Autorin nutzt hier die Technik der erlebten Rede, bei der die Grenze zwischen der kindlichen Figur und dem allwissenden Erzähler bewusst fließend gehalten wird. Dies verleiht der Figur Doris eine fast „alterslose“ Würde und macht ihr Einzelschicksal zu einer universellen Klage, distanziert sie aber gleichzeitig von einer realistischen Darstellung kindlicher Gedankenwelt.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Infos, Tipps und Materialien zum Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck
https://schnell-durchblicken.de/themenseite-heimsuchung
— - Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos