Wenn jemand einen Roman schreibt, geht es natürlich zunächst mal um ein Thema, eine Handlung und eben auch einige literarische Einfälle, mit denen man die Welt beeindrucken kann.
Zu jedem Roman und natürlich auch zu jeder Kurzgeschichte gehört auch die Entscheidung, wie man erzählen will. Wichtig ist dabei natürlich inwieweit der Roman in die Figuren hineinschlüpft, was dann zu einem personalen Erzähler führt. Oder aber: Es wird von einer übergeordneten Position aus erzählt, mit Kommentaren oder auch Vorausdeutungen. Verräterisch ist zum Beispiel die folgende Zeile: „Das sollte ihm zum Verhängnis werden.“ Das weiß die Figur natürlich selbst überhaupt nicht, aber wir erfahren es schon von einem auktorialen Erzähler.
Schauen wir uns mal an, was Jenny Erpenbeck sich ausgedacht hat, um ihren Roman „Heimsuchung“ dem Lese-Publikum nahe zu bringen.
Inhaltsverzeichnis mit „Sprungmarken“ zum Ziel
Da unsere Seiten manchmal recht lang werden, schicken wir hier ein Inhaltsverzeichnis voraus. Dabei verwenden wir sogenannte Sprungmarken, die funktionieren wie links. Einfach drauf klicken und schon ist man an der entsprechenden Stelle.

Die Besonderheit der Erzähltechnik im Roman „Heimsuchung“
- Der Roman „Heimsuchung“ ist sehr eigenwillig aufgebaut und auch die Erzähltechnik ist zumindest gewöhnungsbedürftig, wenn nicht sogar ein bisschen fragwürdig. Aber das ist wortwörtlich gemeint, nicht als Kritik, sondern als Anregung mal darüber nachzudenken.
- Wir sammeln hier Beobachtungen und machen sie an entsprechenden Textstellen fest:
- Das machen wir, wie immer, ziemlich ausführlich.
- Für die, die es eilig haben, stellen wir hier die zehn wichtigsten Punkte in Form einer Gedankenreise zusammen. So etwas kann man sich leichter einprägen.
Erzähltechnik als Gedankenreise für die Abspeicherung im Kopf
- Wir haben unsere ausführliche Untersuchung jetzt mal von NotebookLM in einen 10-Punkte-Ablauf umarbeiten lassen und prüfen jetzt mal, ob man sich das leichter merken kann.
- Wichtige Anmerkung: Notwendigkeit der Beschränkung bei der persönlichen „Speicherung“ im Kopf:
Wenn man sich die Dinge einmal so klar gemacht hat, dann hat man sie auch wirklich verstanden. Es kann durchaus auch spannend sein, so viel zumindest nachzuvollziehen.
— - Für eine mündliche Prüfung sollte man sich hier natürlich ganz wenige Punkte herausgreifen, die dann auch sicher im Kopf verankert sind.
- Das könnte zum Beispiel so aussehen:
- Frage in der Prüfung:
- Inwieweit unterstützt die Erzähltechnik die Aussagen des Romans?
— - Anwort:
- Wir haben mal Stichpunkte fett markiert, damit man sich das einfach auch nur auf eine minimalisierte Art und Weise gewissermaßen auf einen inneren Spickzettel schreiben kann.
- Die zentrale Aussage des Romans ist ja etwas, was man als Minimalisierung des Menschen bezeichnen könnte. Vor dem Hintergrund der großen Spannweite zwischen Prolog und Epilog und der Beschränkung nur auf Heimsuchungen kann man schon den Eindruck gewinnen, dass die menschliche Existenz hier nicht von großer Bedeutung ist.
Damit hat man auch bereits so ziemlich den größten erzähltechnischen Einfall, den dieser Roman zu bieten hat.
Dazu kommen weitere besondere Einzelphänomene.
— - So wird zum Beispiel nicht genauer auf die verschiedenen Figuren eingegangen. Sie sind gewissermaßen nur Beispiele für Heimsuchungen. Wenn etwas Schönes auftaucht, dann in der Erinnerung des Verlustes.
— - Wie sehr die Erzählinstanz, also letztlich die Autorin, hier von ihrer Sicht auf die Dinge ausgeht, erkennt man zum Beispiel an dem Schraubenbeispiel ganz gut.
Dort wird einfach vorausgesetzt, dass man die Hintergründe kennt. Erzählt werden sie nicht. Es geht nur um die Begründung für die Flucht des Architekten.
— - Interessant die Beschäftigung mit der größten Heimsuchung, nämlich dem Schicksal der jüdischen Familie. Beim Mädchen spürt man eine deutliche Mitbetroffenheit, während der Tod des Tuchhändler-Ehepaars aus einer fast schon schrecklich wirkenden Distanz berichtet wird. Man spürt regelrecht, wie die Erzählinstanz bis zu einem bestimmten Punkt mit den Figuren mitgeht, dann aber fast erschrocken zurückweicht.
— - Sehrausführlich werden die Gedanken des Mädchens beschrieben, aber man merkt an verschiedenen Stellen, dass sich hier eineauktoriale Außenperspektive präsentiert.
Nun die kompletten 10 Punkte
Der erste Eindruck – Die eigenwillige Struktur:
- Wenn du das „Haus“ des Romans betrittst, merkst du sofort, dass der Aufbau und die Erzähltechnik gewöhnungsbedürftig sind. Es ist kein klassisches Erzählen, sondern eher eine Einladung, über die Art der Darstellung selbst nachzudenken.
- MIA: das bedeutet letztlich, dass die Art und Weise des Erzählens und der Strukturierung auch etwas zu tun haben muss mit den Aussagen des Romans.
Wenn man das in einer mündlichen Prüfung hervorhebt, zeigt das tieferes Verständnis und dürfte mehr Punkte bringen.
- MIA: das bedeutet letztlich, dass die Art und Weise des Erzählens und der Strukturierung auch etwas zu tun haben muss mit den Aussagen des Romans.
Das Phänomen der Ungewissheiten
- Wer spricht hier eigentlich?: In vielen Kapiteln, wie bei „Das Mädchen“, erfährst du zunächst gar nicht, worum es geht. Es werden zwar Fakten eingestreut (Name, Alter, Herkunft), aber es bleibt unklar, wer diese Informationen ausspricht, da sie für die Figur selbst zu selbstverständlich wären
- Das kann man so verstehen, dass es das Subjektive, Persönliche unterstreicht und damit auch das Vergängliche.
Goethe und Schiller hätten diesen Figuren so viel Bedeutung zugestanden, dass man Lust bekommt, diesen Menschen zumindest in einer gewissen Hinsicht nachzueifern. - In diesem Falle wäre es die Art und Weise, wie dieses Mädchen mit der schrecklichen Situation im Schrank zurechtkommt.
- Schiller hätte darin vielleicht sogar so etwas wie eine „schöne Seele“ gesehen, also ein Menschenkummer, der auch unter schrecklichen Umständen für sich den optimalen Weg der Selbstbehauptung findet. Auch wenn es tragisch endet.
- Das kann man so verstehen, dass es das Subjektive, Persönliche unterstreicht und damit auch das Vergängliche.
Die erzählerische Hypothese
- Hineindenken statt Abbilden: Du kannst davon ausgehen, dass die Autorin hier eher Gedanken und Gefühle präsentiert, die entstehen, wenn man sich heute in eine vergangene geschichtliche Situation hineindenkt. Es ist also eine moderne Annäherung an die Geschichte.
- MIA: das ist ein äußerst interessanter Gedanke, mit dem man in einer mündlichen Prüfung auch Punkte machen kann.
- Es ist eine Hypothese und man sollte auch darüber nachdenken, inwiefern sie plausibel erscheint.
- Wenn man den Roman insgesamt liest, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass diese Autorin vorwiegend für sich selbst schreibt. Sie kennt den Hintergrund der Schraubengeschichte, den Lesern wird sie nicht mitgeteilt.
- Das ist möglicherweise ein Merkmal moderner Kunst und damit auch Literatur. Sie will weniger etwas mitteilen als etwas auslösen beim Leser oder Betrachter.
Der Bruch in der Perspektive – Kind vs. Erwachsener
- Achte darauf, dass die präsentierten Gedanken oft nicht wie die eines zwölfjährigen Mädchens wirken. Es findet eine Kombination aus der Sicht der Figur und der des Erzählers statt, was du kritisch hinterfragen kannst.
- MIA: Auch das ist ein sehr interessanter Hinweis. Das sollte man aber am Text des Romans noch mal überprüfen, sodass man in einer Prüfung ein Beispiel zur Verfügung hat.
Siehe dazu die Antwort von NLM, die weiter unten aufgeführt haben. - Es geht um das Phänomen der Verpackung eines Kartons.
„Erst mit dem Tod des Vaters hatte sich erwiesen, daß die Verpackung ihres Gubener Alltags ins Dunkle in Wahrheit eine Vorwegnahme ihrer eigenen Verpackung und beides zusammengenommen etwas Endgültiges war.“
- MIA: Auch das ist ein sehr interessanter Hinweis. Das sollte man aber am Text des Romans noch mal überprüfen, sodass man in einer Prüfung ein Beispiel zur Verfügung hat.
Die Position des Erzählers
- Der Blick von oben: Oft nimmt der Erzähler eine auktoriale Haltung ein. Er betrachtet die Situation von außen, von später oder „von oben“, was sich an Formulierungen wie „wahrscheinlich vergeht Zeit“ zeigt.
- MIA: Schönes Beispiel, wie hier die Erzählinstanz über das fiktive Geschehen nachdenkt.
Das Motiv der Zeit – Die trennende Kraft:
- Die Zeit wird im Text fast wie ein physisches Objekt behandelt. Sie schiebt sich zwischen die Menschen, sperrt sie ein und entfremdet die Figur von ihrem früheren Ich.
- MIA: Das ist ein Eindruck, wie er beim Lesen entstehen kann.
Die Vermischung der Ebenen – Mitbetroffenheit
- Der Erzähler bleibt zwar in der Gegenwart des Erzählens, wird aber fast zu einer mitbetroffenen Person. Dadurch verschwimmen die zeitlichen Ebenen und Perspektiven miteinander.
- MIA: hier wird es insofern interessant kommen, als zum Beispiel bei der Beschreibung des Todes des Tuchhändlers und seiner Frau von direkter Mitbetroffenheit überhaupt nichts zu spüren ist. Man könnte das vielleicht als eine Art Zurückweichen beim Erzählen verstehen.
Die Kritik am Sprachbild – „Versteinert“ oder „Eingeklemmt“?
- Du kannst in der Prüfung über die Wortwahl diskutieren: Das Mädchen wird als „versteinertes Kind“ bezeichnet. Das wirkt wie eine reine Außenperspektive, da sie innerlich – durch ihre vielen Gedanken – eigentlich alles andere als versteinert, sondern eher in ihrer Lage „eingeklemmt“ ist.
- MIA: auch das wieder ein schönes Beispiel dafür, dass die Erzählinstanz hier etwas von außen betrachtet und kommentiert.
Alternative Erzählformen – Erlebte Rede und Monolog:
Auf diesen und den folgenden Punkt sind wir auf der ausgelagerten Seite näher eingegangen.
https://textaussage.de/roman-heimsuchung-ausfuehrliche-vorstellung-von-speziellen-elementen-der-erzaehltechnik
- Überlege dir für die Analyse, wie es anders gewirkt hätte. Die „erlebte Rede“ oder ein innerer Monolog hätten die Originalgedanken der Figur vielleicht unmittelbarer und authentischer einfangen können als die gewählte Mischform.
- MIA: Auch mit einer solchen Bemerkung kann man natürlich in einer mündlichen Prüfung Zusatzpunkte für sich ergattern.
Das setzt aber voraus, dass man sich darüber im Klaren ist, was die erlebte Rede im Unterschied zur direkten (Gedanken-)Rede ist.
Typisch für die erlebte Rede ist ja gerade, dass die Originalgedanken der Figur präsentiert werden, aber in der Erzähl-Perspektive, das heißt im erzählten Tempus des Präteritums und in der distanzierten Form des Personalpronomens („Sie“ statt „Ich“)
- MIA: Auch mit einer solchen Bemerkung kann man natürlich in einer mündlichen Prüfung Zusatzpunkte für sich ergattern.
Das literarische Glanzstück – Die Parallelmontage:
- Ein wichtiges Werkzeug im Roman ist die Parallelmontage. Hier werden gegensätzliche Vorgänge gleichzeitig gezeigt: Während die Verfolgten in ihrer Not versuchen, letzte Besitztümer zu retten, wird ihr gesamter Hausrat bereits systematisch von den Nazis versteigert. Dieser Kontrast verdeutlicht die endgültige Vernichtung besonders grausam.
- MIA: auch das ist hier eine sehr wertvolle Anmerkung. Etwas ähnliches gibt es ja bei dem Besuch des Tuchhändlers und seiner Frau in Südafrika. Dort kann man beim Lesen ja fast nicht unterscheiden, ob gerade etwas aus der alten Heimat erinnert wird oder etwas Aktuelles im Kopf auftaucht.
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- MIA: auch das ist hier eine sehr wertvolle Anmerkung. Etwas ähnliches gibt es ja bei dem Besuch des Tuchhändlers und seiner Frau in Südafrika. Dort kann man beim Lesen ja fast nicht unterscheiden, ob gerade etwas aus der alten Heimat erinnert wird oder etwas Aktuelles im Kopf auftaucht.
Weitere Hinweise zur Erzähltechnik
- Auf dieser Seite wollten wir uns die wichtigsten Elemente der Erzähltechnik konzentrieren.
- Ziel war es, eine gute Basis zum Beispiel für die Abiturprüfung zu erreichen.
- Weitere Beobachtungen haben wir auf der folgenden Seite als Ergänzungen zusammengestellt.
- https://textaussage.de/roman-heimsuchung-ausfuehrliche-vorstellung-von-speziellen-elementen-der-erzaehltechnik
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Infos, Tipps und Materialien zum Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck
https://schnell-durchblicken.de/themenseite-heimsuchung
— - Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos