Vergleich: Wolfgang Borchert, „Dann gibt es nur eins“ mit dem dem „Psalm Salomos, den Weltraumfahrern zu singen“ (Mat7951-vbd)

Worum es hier geht:

Der Schluss des Borchert-Textes

Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
dann:
In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben –

die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen –

eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam – der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken –

in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln –
in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln — zerbröckeln — zerbröckeln —

dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – wenn – wenn ihr nicht NEIN sagt.

Nun der Psalm aus „Die Physiker“ von Dürrenmatt

Gefunden haben wir diesen Psalm in unserer E-Book-Kindle-Ausgabe von Dürrenmatts Drama:

Diogenes Verlag AG Zürich 2017
ISBN Buchausgabe 978-3-257-23047-5
ISBN eBook 978-3-257-60058-2
S. 41ff

Wir zitieren hier nur den Psalm selbst in Kursivschrift wegen der Vergleichsmöglichkeit – ohne die Zwischenzeilen des Gesprächs.

Dafür fügen wir erläuternde Kommentarhinweise ein.

MÖBIUS

Ein Psalm Salomos, den Weltraumfahrern zu singen.

  1. Wir hauten ins Weltall ab.
  2. Zu den Wüsten des Monds.
    • Interessant ist hier der Fluchtgedanke, der aber in „Wüsten“ endet.
  3. Versanken in ihrem Staub.
  4. Lautlos verreckten
  5. Manche schon da.
    • Hier wird sofort darauf hingewiesen, dass es in dieser Umwelt kein Überleben gibt.
  6. Doch die meisten verkochten
  7. In den Bleidämpfen des Merkurs, lösten sich auf
  8. In den Ölpfützen der Venus, und
  9. Sogar auf dem Mars fraß uns die Sonne,
  10. Donnernd, radioaktiv und gelb.
    • Hier wird die Schilderung der Vernichtung noch intensiver.
  11. […]
  12. Jupiter stank,
  13. Ein pfeilschnell rotierender Methanbrei,
  14. Hing er so mächtig über uns,
  15. Daß wir Ganymed vollkotzten.
    • Diese Zeilen machen drastisch deutlich, wie negativ die Himmelswelt empfunden wird.
  16. […]
  17. Saturn bedachten wir mit Flüchen.
  18. Was dann weiter kam, nicht der Rede wert:
  19. Uranus, Neptun
  20. Graugrünlich erfroren,
  21. Über Pluto und Transpluto fielen die letzten
  22. Unanständigen Witze.
    • Deutlich wird hier die Reaktion der Raumfahrer.
    • Was am Ende übrig bleibt, sind unanständige Witze.
  23. […]
  24. Hatten wir doch längst die Sonne mit Sirius verwechselt,
  25. Sirius mit Kanopus,
  26. Abgetrieben, trieben wir in die Tiefen hinauf
  27. Einigen weißen Sternen zu,
  28. Die wir gleichwohl nie erreichten.
    • Am Ende Orientierungslosigkeit – und kein gutes Ende.
  29. […]
  30. Längst schon Mumien in unseren Schiffen
  31. Verkrustet von Unrat:
    • Deutlich wird hier ein Tod, der die Raumfahrer in eine Umgebung von Müll verbringt.
  32. […]
  33. In den Fratzen kein Erinnern mehr
  34. An die atmende Erde.
    • Am Ende dann der absolute Gegensatz zwischen Entmenschlichung und einer lebendigen Erde.

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