Worum es hier geht:
- Wir präsentieren den wichtigsten Text, den Wolfgang Borchert kurz vor seinem Tod noch verfasst hat.
- Er wollte damit darauf hinweisen, wie wichtig es ist, alles zu tun, um einen weiteren Krieg zu verhindern.
- Wir bauen in den Originaltext (in kursiver Schrift) Überschriften und Erklärungen ein, die helfen, ihn möglichst schnell zu verstehen.
- Und dann auch über ihn zu diskutieren.
Gefunden haben wir den Text u.a. hier.
Wolfgang Borchert
Dann gibt es nur eins!
[Aufzählung vieler Berufsgruppen, die alle Nein sagen sollen zu neuer Kriegsvorbereitung]
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre. dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
- Der Text beginnt hier mit ganz „normalen“ Menschen. Deutlich wird, dass für den Krieg die Produktion umgestellt werden muss.
- Das heißt: Die Alltagsgegenstände werden knapp,
- dafür werden Dinge produziert, die eigentlich nur für Vernichtung gedacht sind, wobei das auch für sie selbst gilt.
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Haßlieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
- Dieser Punkt ist besonders wichtig, weil Propaganda eine ganz wichtige Grundlage für jeden Krieg ist.
- Damit Menschen bereit sind, in Schützengräben zu sterben, muss man ihnen einreden, dass es um eine große Sache geht – und auf der anderen Seite gewissermaßen Unmenschen sind, die man töten darf, ja muss.
- Und so wird aus einer der schönsten Möglichkeiten des Menschen, nämlich sich in Gedichten, Kurzgeschichten und Romanen auszudrücken, etwas, was das Gegenteil bewirkt: Nicht noch mehr Verständnis und Gemeinsamkeit beim Durchdenken, sondern Abgrenzung und Hass.
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du
sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
- Hier kommen jetzt zwei Berufsgruppen ins Spiel, die für den Krieg auch von Bedeutung sind.
- Interessanterweise wird vor den Pfarrer, der gut zur Propaganda passen würde, noch der Arzt geschoben.
- Hier kann man sich durchaus fragen, ob Borchert sich bei der Reihenfolge etwas Besonderes gedacht hat – oder ob ihm dieses Manifest gewissermaßen aus der Feder geflossen ist.
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
- Auch hier wieder die Idee, dass der Richter besser zum Arzt passen würde – denn beide Berufsgruppen kümmern sich darum, dass Soldaten ihrer selbstmörderischen Pflicht schnell (wieder) nachgehen können. Der Richter zum Beispiel mit Abkommandierungen zu sogenannten Strafbataillons, wo Soldaten sich etwa beim Minenräumen o.ä. „bewähren“ durften.
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
- Hier gibt es jetzt eine Änderung – es geht nicht mehr nur um verschiedene Berufsgruppen, sondern um eine ganz persönliche Beziehung – nämlich zwischen den Menschen, die unter Schmerzen und mit viel Aufwand Menschen zur Welt und in sie hineingebracht haben – und dann erleben müssen, dass diese regelrecht missbraucht werden.
- Interessant hier vor allem der über ein einzelnes Land wie Deutschland weit hinausgehende weltweite Appell.
[Hinweis auf die schrecklichen Folgen, wenn man nicht „Nein“ sagt]
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
dann:
In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben –
- Borchert beginnt hier mit Orten, die ihm sehr am Herzen lagen – wie man ja auch in „Draußen vor der Tür“ sieht.
die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen –
- Ähnlich anschaulich geht es dann um Straßenbahnen und ihre Umgebung.
eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam – der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken –
- Aufgenommen wird der Gedanke der Stille im Sinne von Leblosigkeit, die aber hier zu einer Bedrohung personifiziert wird. Verbunden wird das mit der Welt der Landwirtschaft, die ja normalerweise menschliches Überleben garantiert, was jetzt ins Gegenteil verkehrt wird.
in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln –
in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln — zerbröckeln — zerbröckeln —
- Nach einem kurzen Ausflug in die Welt der Erfindungen folgt ein ganzes Panorama an Verrottung von „Lebensmitteln“ und ihren Produktionswerkzeugen.
dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – wenn – wenn ihr nicht NEIN sagt.
- Am Ende dann eine Art Kurzfassung der Situation, in der sich der Heimkehrer Beckmann in „Draußen vor der Tür“ befindet – nur sehr viel stärker auf einen Punkt konzentriert, nämlich die Frage nach dem „Warum?“
- Am Ende dann noch einmal die Warnung vor dem Ende der Menschheit, die jetzt ihre Sonderstellung in der Welt des Lebens verloren hat, es geht um den letzten „Tierschrei des letzten Tieres Mensch“.
- Die Warnung wird mit einem Zeithorizont verbunden, der immer enger wird.
Anregung: Vergleich mit Dürrenmatt, „Die Physiker“
Darauf sind wir auf dieser Seite genauer eingegangen:
https://schnell-durchblicken.de/vergleich-wolfgang-borchert-dann-gibt-es-nur-eins-mit-dem-dem-psalm-salomos-den-weltraumfahrern-zu-singen
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Infos, Tipps und Materialien zu Wolfgang Borchert und seinem Werk – Übersicht
https://schnell-durchblicken.de/wolfgang-borchert-infos-tipps-und-materialien-leben-und-werk-themenseite
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