Wolfgang Borchert, Nachts (Mat573-wbn)

Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Wolfgang Borchert veröffentlichte mit „Nachts“ ein Gedicht – überraschend, da er vor allem für seine Kurzgeschichten bekannt ist.
  2. Das Gedicht vergleicht die Seele des lyrischen Ichs mit einer Straßenlaterne, die erst nachts „beginnt zu sein“.
  3. Ein Lichtmotiv zieht sich durch den Text: Laterne, Mond, Streichholz – jedes Bild markiert einen Moment gesteigerter Lebendigkeit.
  4. Kontrastiert wird die wache, fühlende Existenz des lyrischen Ichs mit der schlafenden Welt von Menschen und Spatzen.
  5. Formal fällt auf: unterschiedlich lange Verszeilen, gereimt, aber ohne durchgehendes festes Metrum – freie Rhythmen mit einzelnen metrischen Inseln.
  6. In den Schlusszeilen (16–20) lässt sich ein bemerkenswerter Rhythmuswechsel von Trochäus zu Jambus nachweisen – passend zum inhaltlichen Umschwung von kargem Bild (Schatten, Wind) zu sinnlicher Erinnerung (Duft, Kind).
  7. Die letzten beiden Verszeilen bleiben bewusst mehrdeutig: „irgendein schönes Kind“ lässt offen, ob eine junge Frau oder tatsächlich ein Kind gemeint ist.
  8. Sprachlich nutzt Borchert Vergleich, Personifikation und Synästhesie, um die nächtliche Erfahrung sinnlich erfahrbar zu machen.
  9. Insgesamt entsteht eine Stimmung zwischen Einsamkeit, Sehnsucht und kurzen, fast magischen Glücksmomenten.
  10. Diskussionsfrage: Warum wechselt ausgerechnet an der Stelle, wo die Erinnerung an Nähe und Zärtlichkeit einsetzt, auch der Rhythmus des Gedichts – und was sagt das über das Verhältnis von Form und Inhalt in der Lyrik allgemein aus?

Überblick: Worum es geht

Das folgende Gedicht haben wir hier gefunden: www.babelmatrix.org – Wolfgang Borchert, Nachts.

Es ist interessant für uns, weil wir Borchert eher als Verfasser von Kurzgeschichten kennen. Dann schauen wir es uns einfach mal an.

Gedichtanalyse: Die Verse im Detail

  1. Meine Seele ist wie eine Straßenlaterne.
  2. Wenn es Nacht wird und die Sterne
  3. aufgehn, beginnt sie zu sein.
  • Das lyrische Ich vergleicht sich mit einer Straßenlaterne
  • und verbindet damit eine Vorstellung von nächtlichem Leben als wirklicher Existenz.
  1. Mit zitterndem Schein
  2. tastet sie durchs Dunkel,
  3. verliebt wie die Katzen
  4. auf nächtlichen Dächern, mit grünem Gefunkel
  5. in den Augen. Menschen und Spatzen
  6. schlafen.
  7. Nur die Schiffe schwanken im Hafen.
  • Hier ein neuer Vergleich, diesmal mit verliebten und deshalb schleichenden Katzen.
  • Dann der Kontrast mit der schlafenden Welt der Menschen und den Spatzen wohl als Vertreter fast schon von Haustieren.
  1. Hebt der Mond sich über den Rand
  2. von einem Kirchendache,
  3. ist in meinen Augen
  4. knisternd ein Streichholz auf geflammt,
  5. und ich lache.
  • Der Mond verstärkt dann das Gefühl von Existenz,
  • was verdeutlicht wird am Bild eines aufflammenden Streichholzes.
  • Das mündet in ein Lachen, das man wohl als Höhepunkt der Entfaltung menschlichen Lebens sehen kann.
  1. Regen rinnt –
  2. bei mir sind
  3. nur mein Schatten und der Wind.
  4. Und meine Hände haben noch den Duft
  5. von irgendeinem schönen Kind.
  • Im Schlussteil dann wieder eine Rückkehr in eine weniger lebendige Existenz, die von Regen und Schatten geprägt ist.
  • Sehr unklar die beiden Schlusszeilen.
  • Wir wollen mal annehmen, dass mit dem „schönen Kind“ nicht wirklich ein Kind gemeint ist, sondern eine junge Frau, mit der es zu einer interessanten, auch körperlichen Begegnung gekommen ist.
  • Natürlich kann es auch eine ganz harmlose Begegnung mit einem wirklichen Kind gewesen sein, von dem man etwas Duft mitnehmen konnte.
  • Seltsam auf jeden Fall, dass von „irgendeinem“ Kind die Rede ist.
  • Hier ist man als Leser oder Leserin sehr gefragt, um mit dieser auf den ersten Blick irritierenden Doppelzeile etwas anzufangen.
  • ChatGPT rettet sich in die „Erinnerung an etwas Reines, Unschuldiges oder Vergangenes“ – aber dann hat man den Duft nicht mehr an den Händen.

Aussagen des Gedichts

Das Gedicht zeigt:

  1. dass die Nacht eine Zeit echten Lebens und einer besonderen Empfindsamkeit ist.
  2. Einsamkeit, aber auch eine gewisse Faszination für die nächtliche Welt.
  3. an den Bildern von Licht (Laterne, Mond, Streichholz) emotionale Momente in der Dunkelheit.
  4. insgesamt eine Mischung aus Sehnsucht, Melancholie und kurzen Glücksmomenten.

Sprachliche und rhetorische Mittel

  • Vergleich: „Meine Seele ist wie eine Straßenlaterne“ (Vers 1) – Die Seele wird mit einer Lichtquelle verglichen, die in der Dunkelheit sucht.
  • Personifikation: „Mit zitterndem Schein tastet sie durchs Dunkel“ (Vers 4–5) – Die Seele wird wie ein fühlendes Wesen dargestellt.
  • Synästhesie: „knisternd ein Streichholz auf geflammt“ (Vers 14) – Kombination aus Geräusch und Lichtbild.
  • Symbolik: Der Mond als Erleuchtung, die Straßenlaterne als suchende Seele, der Duft des Kindes als Erinnerung an Unschuld oder vergangene Nähe.
  • Gegensätze: Menschen und Spatzen schlafen – das lyrische Ich aber wacht (Vers 8–9). Dies verstärkt das Gefühl der Isolation.

Rhythmus und Form

Übrigens haben wir zum Rhythmus des Gedichtes inzwischen ein Video gemacht. Es hatte sich dabei nämlich eine interessante „Regelmäßigkeit“ in der Unregelmäßigkeit ergeben: https://youtu.be/EAwYf4zWD88

Sprungmöglichkeiten zu den einzelnen Stellen im Video:

Dokumentation: Mat573-rhs-pcf Rhythmus-Störungen interpretieren Borchert Nachts

Die unterschiedlich langen Verszeilen lassen schon ahnen, dass es hier zwar Reime gibt, aber keinen festen Rhythmus.

Schon die erste Zeile zeigt das: „Meine Seele ist wie eine Straßenlaterne.“ Betont-unbetont im Wechsel, das beginnt als Trochäus, endet dann aber in etwas Richtung Daktylus. Der wäre komplett, wenn die Zeile enden würde mit: „Straßenlaterne nachts brennt“. Auch in Zeile 4 haben wir mit „zitterndem“ eine betonte und dann zwei unbetonte Silben.

Eine Beobachtung zum Rhythmuswechsel im Schlussteil

In den Zeilen 16 bis 18 („Regen rinnt –“, „bei mir sind“, „nur mein Schatten und der Wind.“) lässt sich ein durchgehend trochäischer Rhythmus feststellen – die Betonung liegt jeweils auf der ersten Silbe. In den beiden letzten Zeilen (19–20) kippt das Metrum jedoch in einen ebenso sauberen Jambus – die Betonung liegt jetzt auf der zweiten Silbe.

Das ist im gesamten Gedicht die einzige Stelle mit durchgehend jambischem Grundrhythmus – überall sonst dominiert, wo überhaupt ein Metrum erkennbar ist, der Trochäus. Bemerkenswert dabei: Genau an der Stelle, an der der Inhalt von der kargen, einsamen Bildwelt (Schatten, Wind, Regen) zur sinnlich-erinnernden Bildwelt (Duft, Hände, Kind) wechselt, wechselt auch der Rhythmus selbst mit.

Das geht über die naheliegende erste Deutung hinaus, die hier lediglich eine „Rückkehr zur alten Normalität“ vermuten würde: Tatsächlich handelt es sich nicht um eine Rückkehr zum Ausgangsmuster, sondern um ein neues metrisches Register, das im gesamten Gedicht sonst nirgends auftaucht – und das den empfundenen Bruch zwischen Kargheit und Erinnerung auch formal sichtbar macht. Ein schönes Beispiel dafür, dass Rhythmus in der Lyrik nicht nur Klangbeiwerk ist, sondern selbst Bedeutung tragen kann.

Zusammenfassung

  • Das Gedicht vermittelt eine Stimmung der Nachdenklichkeit und Einsamkeit,
  • zeigt aber auch kleine, fast magische Momente der Freude.
  • Die Nacht wird nicht nur als düster, sondern auch als Raum der Selbstfindung und Sensibilität dargestellt.
  • Die letzten Verse suggerieren eine Sehnsucht nach Nähe, die jedoch letztlich nicht erfüllt wird.

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