Dies ist Teil 2 unserer Übersicht. Den ersten Teil findet man hier.
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Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick
- K. besucht die Kanzleien des Gerichts und erlebt eine bedrückende, fast körperlich spürbare Atmosphäre aus Enge und Erschöpfung.
- Im „Prügler“ wird K. auf brutale Weise klar, dass seine Beschwerde über die Wächter reale, kaum kontrollierbare Folgen hat – das Gericht straft ungerührt weiter.
- Sein Onkel drängt ihn, einen Advokaten zu nehmen, weil der Prozess auch die Familie und K.s berufliches Ansehen bedroht.
- Beim Advokaten Huld lernt K. dessen Pflegerin Leni kennen, die sich auffällig um ihn bemüht.
- K. beschäftigt sich mit dem sogenannten „Gerichtsorganismus“ – einem endlosen, undurchsichtigen Apparat, gegen den eine einzelne Verteidigungsschrift kaum etwas ausrichten kann.
- Zunehmend erwägt K., sich selbst zu vertreten, weil er dem Advokaten nicht mehr traut.
- Der Fabrikant erzählt K. vom Maler Titorelli, der über die internen Abläufe des Gerichts Bescheid weiß.
- Titorelli erklärt K. die drei theoretischen „Freisprechungs“-Arten – wirkliche, scheinbare und verschleppende – und macht deutlich, dass eine wirkliche Freisprechung so gut wie unmöglich ist: „Hier entscheidet wahrscheinlich nur die Unschuld des Angeklagten.“
- Beim Versuch, dem Advokaten zu kündigen, erlebt K. mit, wie gedemütigt und abhängig ein anderer Mandant, der Kaufmann Block, längst geworden ist.
- Zum Nachdenken: Im Dom hört K. vom Gefängnisgeistlichen die Parabel „Vor dem Gesetz“ – ist der Zugang zum „Gesetz“, den der Mann darin vergeblich sucht, ein Bild für K.s eigenen Prozess, oder lässt sich die Parabel auch losgelöst davon lesen?
Fortsetzung: Weiter im Prozess
Dieser Teil setzt die Reihe fort und begleitet Josef K. von den Kanzleien des Gerichts bis zum Ende des Romans. (Teil 1, S. 7–60, folgt hier als Link.)
S. 63–74: K. schaut sich die Kanzleien des Gerichts an
❓ Am Ende dieses Teils wartet eine Vertiefungsfrage auf euch – wer die Textstellen genau gelesen hat, kann sich damit im Unterricht von der Klasse abheben.
- S. 63: K. wird vom Gerichtsdiener eingeladen, sich die Kanzleien des Gerichts anzuschauen.
- S. 64: Hinweis auf die geringe Rücksicht, die auf die Besucher genommen werden.
- S. 64: Die gehören vorwiegend den höheren Klassen an, sind aber „vernachlässigt angezogen“. Anmerkung: Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass dieses Gericht sich vor allem um Leute wie K. kümmert und sie verkümmern lässt.
- S. 64: „Sie standen wie Straßenbettler.“
- S. 65: Beispiel für einen solchermaßen heruntergekommenen Mann:
- „K. wartete auf den ein wenig hinter ihm gehenden Gerichtsdiener und sagte: »Wie gedemütigt die sein müssen.« »Ja«, sagte der Gerichtsdiener, »es sind Angeklagte, alle, die Sie hier sehn, sind Angeklagte.« »Wirklich!« sagte K. »Dann sind es ja meine Kollegen.«
- Und er wandte sich an den nächsten, einen großen, schlanken, schon fast grauhaarigen Mann. »Worauf warten Sie hier?« fragte K. höflich. Die unerwartete Ansprache aber machte den Mann verwirrt, was um so peinlicher aussah, da es sich offenbar um einen welterfahrenen Menschen handelte, der anderswo gewiß sich zu beherrschen verstand und die Überlegenheit, die er sich über viele erworben hatte, nicht leicht aufgab. Hier aber wußte er auf eine so einfache Frage nicht zu antworten und sah auf die anderen hin, als seien sie verpflichtet, ihm zu helfen, und als könne niemand von ihm eine Antwort verlangen, wenn diese Hilfe ausbliebe.
- Da trat der Gerichtsdiener hinzu und sagte, um den Mann zu beruhigen und aufzumuntern: »Der Herr hier fragt ja nur, worauf Sie warten. Antworten Sie doch.« Die ihm wahrscheinlich bekannte Stimme des Gerichtsdieners wirkte besser: »Ich warte –« begann er und stockte. Offenbar hatte er diesen Anfang gewählt, um ganz genau auf die Fragestellung zu antworten, fand aber jetzt die Fortsetzung nicht. Einige der Wartenden hatten sich genähert und umstanden die Gruppe, der Gerichtsdiener sagte zu ihnen: »Weg, weg, macht den Gang frei.« Sie wichen ein wenig zurück, aber nicht bis zu ihren früheren Sitzen. Inzwischen hatte sich der Gefragte gesammelt und antwortete sogar mit einem kleinen Lächeln: »Ich habe vor einem Monat einige Beweisanträge in meiner Sache gemacht und warte auf die Erledigung.«
- »Sie scheinen sich ja viele Mühe zu geben«, sagte K. »Ja«, sagte der Mann, »es ist ja meine Sache.«
- »Jeder denkt nicht so wie Sie«, sagte K., »ich zum Beispiel bin auch angeklagt, habe aber, so wahr ich selig werden will, weder einen Beweisantrag gestellt, noch auch sonst irgend etwas Derartiges unternommen.
- Halten Sie denn das für nötig?« »Ich weiß nicht genau«, sagte der Mann wieder in vollständiger Unsicherheit; er glaubte offenbar, K. mache mit ihm einen Scherz, deshalb hätte er wahrscheinlich am liebsten, aus Furcht, irgendeinen neuen Fehler zu machen, seine frühere Antwort ganz wiederholt, vor K.s ungeduldigem Blick aber sagte er nur: »Was mich betrifft, ich habe Beweisanträge gestellt.«
- »Sie glauben wohl nicht, daß ich angeklagt bin?« fragte K.
- »O bitte, gewiß«, sagte der Mann, und trat ein wenig zur Seite, aber in der Antwort war nicht Glaube, sondern nur Angst.
- »Sie glauben mir also nicht?« fragte K. und faßte ihn, unbewußt durch das demütige Wesen des Mannes aufgefordert, beim Arm, als wolle er ihn zum Glauben zwingen.
- Aber er wollte ihm nicht Schmerz bereiten, hatte ihn auch nur ganz leicht angegriffen, trotzdem schrie der Mann auf, als habe K. ihn nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden Zange erfaßt.
- Dieses lächerliche Schreien machte ihn K. endgültig überdrüssig; glaubte man ihm nicht, daß er angeklagt war, so war es desto besser; vielleicht hielt er ihn sogar für einen Richter. Und er faßte ihn nun zum Abschied wirklich fester, stieß ihn auf die Bank zurück und ging weiter.
- »Die meisten Angeklagten sind so empfindlich«, sagte der Gerichtsdiener.
- Anmerkung: Eine erschütternde Episode, wie das Gericht bzw. die von ihm ausgelösten Prozesse Menschen regelrecht verfallen lassen. In gewisser Weise ist K.s Schicksal hier schon vorweggenommen, auch wenn er hier noch sehr stark, fast aggressiv auftritt.
- S. 66: K. kümmert sich nicht weiter um die Gesellschaft.
- Ihm ist es unangenehm, dass er vor dem Gerichtsdiener herlaufen muss. Er möchte auf gar keinen Fall aussehen wie jemand, der vorgeführt wird.
- K. will dann verschwinden, aber der Gerichtsdiener will unbedingt, dass er noch mehr sieht. Darüber kommt es fast zu einem kleinen Streit.
- Unangenehm ist K. auch, dass Leute vom Gericht jetzt auf ihn aufmerksam werden:
- „Hinter ihr in der Ferne sah man im Halbdunkel noch einen Mann sich nähern.
- K. blickte den Gerichtsdiener an. Dieser hatte doch gesagt, daß sich niemand um K. kümmern werde, und nun kamen schon zwei, es brauchte nur wenig und die Beamtenschaft wurde auf ihn aufmerksam, würde eine Erklärung seiner Anwesenheit haben wollen.
- Die einzig verständliche und annehmbare war die, daß er Angeklagter war und das Datum des nächsten Verhörs erfahren wollte, gerade diese Erklärung aber wollte er nicht geben, besonders da sie auch nicht wahrheitsgemäß war,
- denn er war nur aus Neugierde gekommen oder, was als Erklärung noch unmöglicher war, aus dem Verlangen, festzustellen, daß das Innere dieses Gerichtswesens ebenso widerlich war wie sein Äußeres.
- Und es schien ja, daß er mit dieser Annahme recht hatte, er wollte nicht weiter eindringen, er war beengt genug von dem, was er bisher gesehen hatte, er war gerade jetzt nicht in der Verfassung, einem höheren Beamten gegenüberzutreten, wie er hinter jeder Tür auftauchen konnte, er wollte weggehen, und zwar mit dem Gerichtsdiener oder allein, wenn es sein mußte.“
- K. wird immer unwohler, er will nur noch raus.
- S. 70: Schließlich stößt er zusammen mit einem Mädchen, das sich um ihn kümmern will, auf den sogenannten „Auskunftgeber“, der aber vor allem durch ein Lachen gekennzeichnet ist, was das Mädchen wiederum entschärfen will.
- S. 72: »Wollen Sie sich nicht hier ein wenig setzen?« fragte der Auskunftgeber, sie waren schon im Gang und gerade vor dem Angeklagten, den K. früher angesprochen hatte. K. schämte sich fast vor ihm, früher war er so aufrecht vor ihm gestanden, jetzt mußten ihn zwei stützen, seinen Hut balancierte der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern, die Frisur war zerstört, die Haare hingen ihm in die schweißbedeckte Stirn. Aber der Angeklagte schien nichts davon zu bemerken, demütig stand er vor dem Auskunftgeber, der über ihn hinwegsah, und suchte nur seine Anwesenheit zu entschuldigen.“
- S. 72/73: Es geht K. immer schlechter: „Er war wie seekrank. Er glaubte auf einem Schiff zu sein, das sich in schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das Wasser gegen die Holzwände, als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her, wie von überschlagendem Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und als würden die wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt und gehoben. Desto unbegreiflicher war die Ruhe des Mädchens und des Mannes, die ihn führten. Er war ihnen ausgeliefert, ließen sie ihn los, so mußte er hinfallen wie ein Brett. „
- S. 73/74: Die Ausgangstür empfindet K. dann regelrecht als Befreiung:
- „K. merkte, daß er vor der Ausgangstür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war, als wären alle seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt, um einen Vorgeschmack der Freiheit zu gewinnen, trat er gleich auf eine Treppenstufe und verabschiedete sich von dort aus von seinen Begleitern, die sich zu ihm hinabbeugten.
- »Vielen Dank«, wiederholte er, drückte beiden wiederholt die Hände und ließ erst ab, als er zu sehen glaubte, daß sie, an die Kanzleiluft gewöhnt, die verhältnismäßig frische Luft, die von der Treppe kam, schlecht ertrugen. Sie konnten kaum antworten, und das Mädchen wäre vielleicht abgestürzt, wenn nicht K. äußerst schnell die Tür geschlossen hätte.
- K. stand dann noch einen Augenblick still, strich sich mit Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht, hob seinen Hut auf, der auf dem nächsten Treppenabsatz lag – der Auskunftgeber hatte ihn wohl hingeworfen – und lief dann die Treppe hinunter, so frisch und in so langen Sprüngen, daß er vor diesem Umschwung fast Angst bekam.
- Solche Überraschungen hatte ihm sein sonst ganz gefestigter Gesundheitszustand noch nie bereitet. Wollte etwa sein Körper revolutionieren und ihm einen neuen Prozeß bereiten, da er den alten so mühelos ertrug? Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab, bei nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehen, jedenfalls aber wollte er – darin konnte er sich selbst beraten – alle künftigen Sonntagvormittage besser als diesen verwenden.“
S. 75: Der Prügler
- Ein paar Tage später bekommt K mit, wie in einer abgelegenen Rumpelkammer die beiden Männer, die ihn verhaftet haben, von einem Dritten verprügelt werden.
- Anlass dafür ist sein Hinweis gewesen, dass sie sich bei seiner Verhaftung seine Kleider unter den Nagel reißen wollten.
- Überraschenderweise setzt sich K für die beiden Männer ein und will Ihnen die Prügel ersparen.
- Interessant ist seine Begründung auf Seite 77: „Ich halte sie nämlich gar nicht für schuldig, schuldig ist die Organisation, schuldig sind die hohen Beamten.“
- Als der Prügler jede Rücksichtnahme verweigert, versucht einer der beiden Männer (Franz) dadurch davon zu kommen, dass er den anderen (Willem) als den eigentlich Schuldigen bezeichnet.
- Jedes weitere Engagement von K wird durch einen lauten Schrei des geprügelten Franz beendet. K hat größte Mühe, das Hinzukommen von Dienern zu verhindern, indem er erklärt: „es schreit nur ein Hund auf dem Hof“. (79)
- K muss gehen, er nimmt sich aber vor, „die Sache noch zur Sprache zu bringen und die wirklich Schuldigen, die hohen Beamten, von denen sich ihm noch keiner zu zeigen gewagt hatte, soweit es in seinen Kräften war, gebührend zu bestrafen.“ (80)
- Am nächsten Tag muss K. feststellen, dass er in dem Zimmer mit dem Prügler die gleiche Situation vorfindet wie am Tag vorher. Er ist davon tief beeindruckt: „Fast weinend lief er zu den Dienern, die ruhig an der Kopiermaschine arbeiteten und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten. ‚Räumt doch endlich die Rumpelkammer aus‘, rief er. ‚Wir versinken hier im Schmutz.'“
- Anmerkung: Letzteres ist sicherlich auch im übertragenen Sinne zu verstehen.
S. 82: K. bekommt Besuch von seinem Onkel
- An einem Nachmittag bekommt K Besuch von seinem Onkel, der von seiner Tochter Erna von dem Prozess erfahren hat und es für sehr wichtig hält, dass K die Hilfe des Advokaten Huld in Anspruch nimmt, den er kennt.
- Anmerkung: Erstaunlich ist, dass der Onkel sich überhaupt nicht für die Besonderheiten eines Gerichts neben den normalen Gerichten interessiert, sondern das offensichtlich als ganz normal betrachtet.
- Wichtig ist, dass Erna von dem Prozess durch einen Diener in der Bank erfahren hat. Zusätzlich trägt der Onkel durch seine laute Art dazu bei, dass sicherlich noch mehr davon erfahren.
- In einem höheren Sinne ist die Bemerkung des Onkels interessant (Seite 86): „Solche Dinge kommen doch nicht plötzlich, sie bereiten sich seit langem vor.“
- Auf dem Weg zum Advokaten beginnt K „sofort zu erzählen, ohne irgendetwas zu verschweigen, seine vollständige Offenheit war der einzige Protest, den er sich gegen des Onkels Ansicht, der Prozess sei eine große Schande, erlauben konnte.“
S. 90ff: K. beim Advokaten Huld und seiner Pflegerin Leni
- Der Advokat präsentiert sich zunächst recht krank, wirkt dann aber sehr viel frischer, als das Gespräch auf den Prozess von K kommt.
- Zufällig ist auch gerade der Kanzleidirektor da, mit dem man jetzt die Angelegenheit besprechen könnte, wenn K sich nicht von der Pflegerin Leni vor die Tür locken ließe und lieber die Zeit mit ihr und allerlei Kontaktgeschnatter verbringen würde.
- Ein interessanter Bezugspunkt zu der kurzen Erzählung „Der Schlag ans Hoftor“ ergibt sich auf Seite 79, wo ein auf einem Bild abgebildeter Richter in seiner Haltung so beschrieben wird, „als wolle er im nächsten Augenblick mit einer heftigen und vielleicht empörten Wendung aufspringen um etwas Entscheidendes zu sagen oder gar das Urteil zu verkünden.“ Siehe hierzu auch die Seite https://www.schnell-durchblicken2.de/vergleich-kafka-schlag-prozess und das entsprechende Video, auf das dort verwiesen wird.
- Als Leni K schließlich so nahe gekommen ist, dass sie sogar auf seinem Schoß sitzt und andeutet, sie könne in seinem Prozess etwas für ihn tun, wenn er nicht mehr so „unnachgiebig“ sei, merkt K: „Ich werbe Helferinnen, dachte er fast verwundert, zuerst Fräulein Bürstner, dann die Frau des Gerichtsdieners und endlich diese kleine Pflegerin, die ein unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint.“ (99)
- Wichtig für die Frage der Sexualität in dem Roman ist ein kleiner körperlicher Fehler, den Leni K zeigt: „Sie spannte den Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand auseinander, zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum obersten Gelenk der kurzen Finger reichte.“ Dieser Hinweis auf Wesen im Wasser erinnert an Nixen, denen seit der Romantik eine gefährliche erotische Anziehungskraft zugeschrieben wurde. Man denke etwa an Goethes Gedicht „Der Fischer“: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn.
- Schließlich bekommt K von Leni, die ihn beißt und küsst, sogar den Hausschlüssel, bevor er sie verlässt und draußen seinen Onkel wartend vorfindet. Der macht ihm heftige Vorwürfe, weil er die Gelegenheit nicht für eine Besprechung seines Prozesses genutzt hat.
S. 102ff: K. denkt über eine Verteidigungsschrift nach – Infos zum „Gerichtsorganismus“
- Wie sehr K. inzwischen im Banne des Prozesses ist, zeigt sich auf S. 102, als er an einem Wintervormittag (ein interessanter Zeithinweis, es wird kälter, aber es ist noch nicht Nacht!) in seinem Büro sitzt:
- „Aber statt zu arbeiten, drehte er sich in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.
- Der Gedanke an den Prozess verließ ihn nicht mehr. Öfters schon hatte er überlegt, ob es nicht gut wäre, eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten und bei Gericht einzureichen.
- Er wollte darin eine kurze Lebensbeschreibung vorlegen und bei jedem irgendwie wichtigeren Ereignis erklären, aus welchen Gründen er so gehandelt hatte, ob diese Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu verwerfen oder zu billigen war und welche Gründe er für dieses oder jenes anführen konnte. „
- Hintergrund ist sein gewachsenes Misstrauen gegenüber seinem Advokaten:
- „Vor allem hatte er ihn fast gar nicht ausgefragt. Und hier war doch so viel zu fragen. Fragen war die Hauptsache. K. hatte das Gefühl, als ob er selbst alle hier nötigen Fragen stellen könnte. “ (102)
- Anmerkung: Wir werden noch sehen, dass auch K. nicht in der Lage ist, die entscheidenden Fragen zu stellen, die man im Licht der Realität stellen würde: In welchem Verhältnis stehen die normalen Gerichte zu diesem Sondergericht? Wo ist die gesetzliche Grundlage für dieses Gericht? usw.
- Es folgt ein Rückblick auf all das, was der Advokat ihm über das Gericht und seine Arbeit erzählt hat.
- Besonders interessant ist das, was dieses Gericht von jedem normalen Gericht unterscheidet. Nachdem der Anwalt ausführlich wiedergegeben worden ist, was die relative Bedeutungslosigkeit aller Eingaben angeht, erfolgt eine seltsame Entschuldigung, die schließlich bis ins Absurde hineinreicht:
- „Das alles sei bedauerlich, aber nicht ganz ohne Berechtigung.
- K. möge doch nicht außer acht lassen, dass das Verfahren nicht öffentlich sei,
- es kann, wenn das Gericht es für nötig hält, öffentlich werden,
- das Gesetz aber schreibt Öffentlichkeit nicht vor.
- Infolgedessen sind auch die Schriften des Gerichts, vor allem die Anklageschrift, dem Angeklagten und seiner Verteidigung unzugänglich, man weiß daher im allgemeinen nicht oder wenigstens nicht genau, wogegen sich die erste Eingabe zu richten hat …“ (103/104)
- Anmerkung: Hier wird natürlich überdeutlich, dass es sich um Geheim- und Willkürjustiz handelt, die sogar die Prozesse der Stalinzeit übertrifft. Denn dort wurde den Angeklagten wenigstens etwas vorgeworfen, auch wenn es an den Haaren herbeigezogen war.
- Man wundert sich dann als Leser schon gar nicht mehr, wenn es etwas später heißt:
- „Die Verteidigung ist nämlich durch das Gesetz nicht eigentlich gestattet, sondern nur geduldet, und selbst darüber, ob aus der betreffenden Gesetzesstelle wenigstens Duldung herausgelesen werden soll, besteht Streit. Es gibt daher strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten Advokaten …“ (104)
- Nachdem ausführlich beschrieben worden ist, wie entwürdigend-armselig die Arbeitsbedingungen der Advokaten aussehen, was dann aber in einem seltsamen Umkehrschluss endet:
- „Man will die Verteidigung möglichst ausschalten,
- alles soll auf den Angeklagten selbst gestellt sein.
- Kein schlechter Standpunkt im Grunde, nichts wäre aber verfehlter, als daraus zu folgern, dass bei diesem Gericht die Advokaten für den Angeklagten unnötig sind.
- Im Gegenteil, bei keinem anderen Gericht sind sie so notwendig wie bei diesem.
- Das Verfahren ist nämlich im allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit geheim, sondern auch vor dem Angeklagten.
- Natürlich nur soweit dies möglich ist, es ist aber in sehr weitem Ausmaß möglich.
- Auch der Angeklagte hat nämlich keinen Einblick in die Gerichtsschriften, und aus den Verhören auf die ihnen zugrunde liegenden Schriften zu schließen, ist sehr schwierig, insbesondere aber für den Angeklagten, der doch befangen ist und alle möglichen Sorgen hat, die ihn zerstreuen.
- Hier greift nun die Verteidigung ein. Bei den Verhören dürfen im allgemeinen Verteidiger nicht anwesend sein, sie müssen daher nach den Verhören, und zwar möglichst noch an der Tür des Untersuchungszimmers, den Angeklagten über das Verhör ausforschen und diesen oft schon sehr vermischten Berichten das für die Verteidigung Taugliche entnehmen.
- Aber das Wichtigste ist dies nicht, denn viel kann man auf diese Weise nicht erfahren, wenn natürlich auch hier wie überall ein tüchtiger Mann mehr erfährt als andere. Das Wichtigste bleiben trotzdem die persönlichen Beziehungen des Advokaten, in ihnen liegt der Hauptwert der Verteidigung.
- Auf gut deutsch:
- An Wahrheit scheint das Gericht nicht interessiert zu sein.
- Der Angeklagte soll möglichst hilflos gehalten werden.
- Dazu gehört auch die Ausschaltung einer begleitenden Verteidigung.
- Die erfährt nur indirekt über die Erinnerung des Angeklagten etwas, das ihr nützlich sein könnte.
- Und dann der absolute Hammer: Es kommt gar nicht auf die Verhandlungen an, entscheidend sind nur Beziehungen.
- Man wundert sich dann schon nicht mehr, wenn auch dieser Stand nicht nur relativiert, sondern ins Gegenteil verkehrt wird:
- „… die Beamten, und darunter recht hohe, kommen selbst, geben bereitwillig Auskunft, offene oder wenigstens leicht deutbare, besprechen den nächsten Fortgang der Prozesse, ja sie lassen sich sogar in einzelnen Fällen überzeugen und nehmen die fremde Ansicht gern an. Allerdings dürfe man ihnen gerade in dieser letzteren Hinsicht nicht allzusehr vertrauen, so bestimmt sie ihre neue, für die Verteidigung günstige Absicht auch aussprechen, gehen sie doch vielleicht geradewegs in ihre Kanzlei und geben für den nächsten Tag einen Gerichtsbeschluß, der gerade das Entgegengesetzte enthält und vielleicht für den Angeklagten noch viel strenger ist als ihre erste Absicht, von der sie gänzlich abgekommen zu sein behaupteten. Dagegen könne man sich natürlich nicht wehren, denn das, was sie zwischen vier Augen gesagt haben, ist eben auch nur zwischen vier Augen gesagt und lasse keine öffentliche Folgerung zu, selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst bestrebt sein müßte, sich die Gunst der Herren zu erhalten.“
- Aber auch beim Stand bleibt es bei Kafka nicht. Nachdem die Willkürmacht der Beamten deutlich gemacht worden ist, kommt plötzlich eine Einschränkung:
- „Andererseits sei es allerdings auch richtig, daß die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe oder aus freundschaftlichen Gefühlen sich mit der Verteidigung, natürlich nur mit einer sachverständigen Verteidigung, in Verbindung setzen, sie sind vielmehr in gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen. Hier mache sich eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation geltend, die selbst in ihren Anfängen das geheime Gericht festsetzt. Den Beamten fehlt der Zusammenhang mit der Bevölkerung, für die gewöhnlichen, mittleren Prozesse sind sie gut ausgerüstet, ein solcher Prozeß rollt fast von selbst auf seiner Bahn ab und braucht nur hier und da einen Anstoß, gegenüber den ganz einfachen Fällen aber, wie auch gegenüber den besonders schwierigen sind sie oft ratlos, sie haben, weil sie fortwährend, Tag und Nacht, in ihr Gesetz eingezwängt sind, nicht den richtigen Sinn für menschliche Beziehungen, und das entbehren sie in solchen Fällen schwer. Dann kommen sie zum Advokaten um Rat, und hinter ihnen trägt ein Diener die Akten, die sonst so geheim sind. „
- Da, wo es jetzt spannend werden könnte, schweigt Huld bzw. K. hat mal wieder nicht nachgefragt. Denn es wird in keiner Weise darauf eingegangen, was denn in solchen Gesprächen erreicht werden könnte.
- Man erfährt nur allgemein, dass die Beamten jeweils auf einen kleinen Aspekt des Prozesses beschränkt sind und deshalb vom Advokaten etwas erfahren können, weil der natürlich den gesamten Prozess – wenn auch nur indirekt über den Angeklagten – verfolgt.
- Es folgt eine absurde Geschichte vom Fleiß eines älteren Beamten, der so kaputt war, dass er am nächsten Tag alle Advokaten die Treppe hinunterwarf. Und der Witz des Ganzen ist, dass die Advokaten schließlich eine spezielle Ermüdungstechnik anwenden und dann schließlich den Beratungsraum betreten dürfen.
- Aus all dem wird deutlich, was K. so vermittelt worden ist:
- Denn den Advokaten – und selbst der Kleinste kann doch die Verhältnisse wenigstens zum Teil übersehen – liegt es vollständig ferne, bei Gericht irgendwelche Verbesserungen einführen oder durchsetzen zu wollen,
- während – und dies ist sehr bezeichnend – fast jeder Angeklagte, selbst ganz einfältige Leute, gleich beim allerersten Eintritt in den Prozeß an Verbesserungsvorschläge zu denken anfangen und damit oft Zeit und Kraft verschwenden, die anders viel besser verwendet werden könnten.
- Das einzig Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen abzufinden.
- Selbst wenn es möglich wäre, Einzelheiten zu verbessern – es ist aber ein unsinniger Aberglaube -, hätte man bestenfalls für künftige Fälle etwas erreicht, sich selbst aber unermeßlich dadurch geschadet, daß man die besondere Aufmerksamkeit der immer rachsüchtigen Beamtenschaft erregt hat.
- Nur keine Aufmerksamkeit erregen! Sich ruhig verhalten, selbst wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn geht!
- Einzusehen versuchen, daß dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen ewig in der Schwebe bleibt und daß man zwar, wenn man auf seinem Platz selbständig etwas ändert, den Boden unter den Füßen sich wegnimmt und selbst abstürzen kann,
- während der große Organismus sich selbst für die kleine Störung leicht an einer anderen Stelle – alles ist doch in Verbindung – Ersatz schafft und unverändert bleibt, wenn er nicht etwa, was sogar wahrscheinlich ist, noch geschlossener, noch aufmerksamer, noch strenger, noch böser wird.
- Man überlasse doch die Arbeit dem Advokaten, statt sie zu stören.
- Der Advokat wird dann ganz konkret und macht deutlich, dass K. sich bei seinem Besuch sehr geschadet habe, als er sich mehr mit Leni als dem Kanzleidirektor beschäftigt hat.
- Was den Verlauf von Prozessen angehe, gäbe es manchmal den Anschein,
- „als hätten nur die von Anfang an für einen guten Ausgang bestimmten Prozesse ein gutes Ende genommen, wie es auch ohne Mithilfe geschehen wäre,
- während alle anderen verlorengegangen sind, trotz allem Nebenherlaufen, aller Mühe, allen kleinen, scheinbaren Erfolgen, über die man solche Freude hatte.
- Dann scheint einem allerdings nichts mehr sicher, und man würde auf bestimmte Fragen hin nicht einmal zu leugnen wagen, dass man ihrem Wesen nach gut verlaufende Prozesse gerade durch die Mithilfe auf Abwege gebracht hat.
- Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen, aber es ist das einzige, das dann übrigbleibt.“
- Anmerkung: Besonders der letzte Satz kann ja nur satirisch bzw. zynisch wirken.
- Interessant auch, wie der Advokat sich dann doch noch zu den Ergebnissen seiner Gespräche mit Beamten äußert:
- „Mit verschiedenem Erfolg, wie offen zugestanden werden soll.
- Es sei viel besser, vorläufig Einzelheiten nicht zu verraten, durch die K. nur ungünstig beeinflußt und allzu hoffnungsfreudig oder allzu ängstlich gemacht werden könnte,
- nur so viel sei gesagt, daß sich einzelne sehr günstig ausgesprochen und sich auch sehr bereitwillig gezeigt haben, während andere sich weniger günstig geäußert, aber doch ihre Mithilfe keineswegs verweigert haben.
- Das Ergebnis sei also im ganzen sehr erfreulich, nur dürfe man daraus keine besonderen Schlüsse ziehen, da alle Vorverhandlungen ähnlich beginnen und durchaus erst die weitere Entwicklung den Wert dieser Vorverhandlungen zeigt.
- Jedenfalls sei noch nichts verloren,
- und wenn es noch gelingen sollte, den Kanzleidirektor trotz allem zu gewinnen – es sei schon verschiedenes zu diesem Zwecke eingeleitet -, dann sei das Ganze – wie die Chirurgen sagen – eine reine Wunde, und man könne getrost das Folgende erwarten.“
- Anmerkung: Es ist wirklich erstaunlich, in welchem Ausmaß es Kafka gelingt, hier ein großes Nichts zu schildern, bei dem der Angeklagte – wie sich dann am Ende auch zeigt – reiner Willkür ausgesetzt ist und eigentlich nichts für sich tun oder tun lassen kann.
- Vor dem Hintergrund ist es verständlich, wenn der Erzähler feststellt: „Es war unbedingt nötig, dass K. selbst eingriff.“ (115)
S. 114: K. will sich selbst vor Gericht vertreten
- S. 115: „, das Gericht sollte einmal auf einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu wahren verstand.“
- Dementsprechend will er selbst eine Eingabe verfassen, was sich aber als schwierig herausstellt.
S. 117: Der Besuch des Fabrikanten
- K. muss sich einem geschäftlichen Besucher widmen.
- Er ist aber überfordert, kann sich nicht konzentrieren.
- Schließlich nimmt ihm der Direktor-Stellvertreter den Kunden ab – allerdings mit einem kritischen Hinweis:
- „Es ist eine sehr wichtige Sache«, sagte er zu dem Fabrikanten, „ich sehe das vollständig ein.
- Und dem Herrn Prokuristen« – selbst bei dieser Bemerkung redete er eigentlich nur zum Fabrikanten – „wird es gewiss lieb sein, wenn wir es ihm abnehmen.
- Die Sache verlangt ruhige Überlegung. Er aber scheint heute sehr überlastet zu sein, auch warten ja einige Leute im Vorzimmer schon stundenlang auf ihn.“
- K. hatte gerade noch genügend Fassung, sich vom Direktor-Stellvertreter wegzudrehen und sein freundliches, aber starres Lächeln nur dem Fabrikanten zuzuwenden, sonst griff er gar nicht ein, stützte sich, ein wenig vorgebeugt, mit beiden Händen auf den Schreibtisch wie ein Kommis hinter dem Pult und sah zu, wie die zwei Herren unter weiteren Reden die Papiere vom Tisch nahmen und im Direktionszimmer verschwanden.
- Kommentar: Man merkt hier, wie K. geschäftlich abbaut.
- S. 122: Der Fabrikant kommt noch mal zu K. und empfiehlt ihm den Maler Titorelli, der für das Gericht Porträts anfertige und ihm vielleicht helfen könnte.
S. 128: K. fährt zum Maler Titorelli
- Bei dem Maler findet er eine seltsame Mädchentruppe, von der der Mann sagt: „Auch diese Mädchen gehören zum Gericht.“
- Anmerkung: Das ist ein Hinweis darauf, dass es sich bei dem Prozess um etwas handelt, wqas letztlich jeden betrifft. Es wäre dann so eine Art dunkle Seite des Menschseins. Dazu passt ja auch die Prügler-Szene, die deutlich macht, dass die die Macht haben, selbst auch einer höheren Macht unterworfen sind.
- S. 137: Kurze Zeit später sagt der Maler „halb im Scherz, halb zur Erklärung: „Es gehört ja alles zum Gericht.“
- Später erzählt der Maler K. noch viel über die Organisation des Gerichts und die Entwicklung der Prozesse.
- Letztlich läuft es auf drei mögliche Ziele hinaus (S. 139ff):
- 139: „. Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste, nur habe ich nicht den geringsten Einfluß auf diese Art der Lösung. Es gibt meiner Meinung nach überhaupt keine einzelne Person, die auf die wirkliche Freisprechung Einfluss hätte. Hier entscheidet wahrscheinlich nur die Unschuld des Angeklagten.“ Anschließend wird lange darüber diskutiert, ob es so etwas jeweils schon mal gegeben hat. Sicher ist das nicht, es gibt nur Legenden darüber.
- 143: „die scheinbare Freisprechung“: Die kann man mit gewissen Hilfen erhalten, aber das Verfahren schwebt gewissermaßen ständig über einem und kann einen jederzeit mit einer erneuten Verhaftung wieder einholen.
- 146: „das Wesen der Verschleppung“: Der Prozess wird einfach in Gang gehalten, ohne dass es wirkliche Fortschritte gibt. Konkret bedeutet das, dass der Angeklagte immer wieder damit zu tun hat: S. 147: „Der Prozeß muss eben immerfort in dem kleinen Kreis, auf den er künstlich eingeschränkt worden ist, gedreht werden.“
S. 152: K. will dem Advokaten die Vertretung entziehen – Gespräch mit Kaufmann Block
- Im Haus des Advokaten trifft K. auf Leni, die sich sehr um ihn bemüht
- und auf den Kaufmann Block, der schon seit mehr als fünf Jahren seinen Prozess führt und dementsprechend viele Erfahrungen gemacht hat.
S. 168: Beim Advokaten
- Zu Beginn des Gesprächs geht es um eine Besonderheit von Leni, die alle Angeklagten schön finde. Der Advokat ist auch der Meinung, dass daran etwas sei:
- „Ich bin über das Ganze nicht so erstaunt, wie Sie es zu sein scheinen.
- Wenn man den richtigen Blick dafür hat, findet man die Angeklagten wirklich oft schön.
- Das allerdings ist eine merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche Erscheinung.
- Es tritt natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine deutliche, genau zu bestimmende Veränderung des Aussehens ein.
- Es ist doch nicht wie bei anderen Gerichtssachen, die meisten bleiben in ihrer gewöhnlichen Lebensweise und werden, wenn sie einen guten Advokaten haben, der für sie sorgt, durch den Prozeß nicht behindert.
- Trotzdem sind diejenigen, welche darin Erfahrung haben, imstande, aus der größten Menge die Angeklagten, Mann für Mann, zu erkennen.
- Woran? werden Sie fragen. Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen. Die Angeklagten sind eben die Schönsten.
- Es kann nicht die Schuld sein, die sie schön macht, denn – so muss wenigstens ich als Advokat sprechen – es sind doch nicht alle schuldig, es kann auch nicht die richtige Strafe sein, die sie jetzt schon schön macht, denn es werden doch nicht alle bestraft, es kann also nur an dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen, das ihnen irgendwie anhaftet. Allerdings gibt es unter den Schönen auch besonders schöne. Schön sind aber alle, selbst Block, dieser elende Wurm.“
- Anmerkung: Diese Stelle ist insofern wichtig, weil sie zu der Frage führt, was denn K von anderen Menschen unterscheidet. Eine Hypothese könnte sein, dass er auf eine besondere, intensive Weise Mensch ist, wie Faust es in Goethes Werk auch ist, ein Mensch in seinem Widerspruch. Auch Faust hat ja ein Problem, leidet an bestimmten Aspekten des Daseins, wenn auch möglicherweise auf einem ganz anderen Niveau als dieser K, auf den man möglicherweise zu schnell herabsieht. Das wäre genauer zu prüfen.
- K. will dem Advokaten das Mandat entziehen, macht auch deutlich, dass der Entschluss feststehe.
- Der Advokat will ihm nun deutlich machen, dass er zu den besonderen Mandanten zähle, mit denen er sich eigentlich nur noch beschäftige.
- Um K den Unterschied zu zeigen, wird Block hereingerufen und auf vielfältige Weise gedemütigt, wogegen er sich aber zumindest teilweise wehrt.
S. 182: Im Dom
- K. bekommt den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank die Stadt zu zeigen.
- Der Mann will aber erst noch einiges erledigen und sich dann später mit K nur den Dom ansehen.
- Als K. dort erscheint, ist von dem Italiener aber nichts zu sehen – und er kommt auch später nicht.
- Stattdessen gerät K in die Predigt eines Geistlichen, die nur für ihn bestimmt ist. Der Geistliche kennt Ks Prozess und präsentiert sich als Gefängnisgeistlicher.
- Ihm wird verdeutlicht, dass es schlecht um seinen Prozess stehe. Interessant ist dabei, wie der Geistliche den Ablauf sieht: „das Urteil kommt nicht mit einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über. “ (194/195).
- Schließlich versucht der Geistliche K das Wesen des Gerichts mit einer Parabel klarzumachen. Sie trägt den Titel „Vor dem Gesetz“ und läuft letztlich darauf hinaus, dass jemand zum „Gesetz“ will, das sehr positiv gesehen wird, dort aber von einem Türhüter nicht eingelassen wird. Er wartet dann sein Leben lang dort und erfährt erst ganz am Schluss, dass kein anderer gekommen ist, weil der Eingang nur für ihn bestimmt gewesen sei und jetzt geschlossen werde.
- Es folgt eine Fülle sehr unterschiedlicher Interpretationen, die alle wohl deutlich machen sollen: „Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.“
- Unsere Überlegungen zu dieser Parabel finden sich hier: https://schnell-durchblicken.de/anmerkungen-zu-kafkas-parabel-vor-dem-gesetz
S. 206: Ende
- Die ausführliche Vorstellung des Inhalts und die Interpretation wichtiger Textstellen haben wir hier aus Platzgründen herausgelöst.
- Sie ist hier zu finden: https://schnell-durchblicken.de/kafka-roman-prozess-schluss-interpretation
Weitere Infos, Tipps und Materialien
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- Franz Kafka, „Der Prozess“: Infos, Tipps und Materialien
https://schnell-durchblicken.de/kafka-der-prozess-infos-tipps-und-materialien-auf-unserer-themenseite
— - Kafka
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Weiterführende Materialsammlung.