Kurzgeschichten mit besonderer Erzähltechnik (Mat7943)

Worum es geht – und wie diese Seite aufgebaut ist

Wir stellen hier Kurzgeschichten vor, bei denen nicht nur interessant ist, was erzählt wird, sondern vor allem wie. Genau das meint man mit „Erzähltechnik“: die Art, wie ein Autor seine Geschichte baut – was er verrät und was er verschweigt, in welcher Reihenfolge er erzählt und aus wessen Sicht.

Die Geschichten sind nicht einfach aufgezählt, sondern bilden eine Treppe: Wir beginnen mit Geschichten, die ganz nah an den Gefühlen einer Figur bleiben, und enden bei einer Geschichte, die wie ein Film aus lauter einzelnen Szenen zusammengeschnitten ist. Von Stufe zu Stufe wird die Erzähltechnik ein bisschen ungewöhnlicher. Kleine Überleitungen zeigen jeweils, was die nächste Geschichte mit der vorigen verbindet.

Stufe 1: Gefühle zwischen den Zeilen – und ein Geheimnis bis zum Schluss

Auf dieser Stufe geht es um das Innenleben von Menschen. Das Besondere: Die Gefühle werden nicht offen ausgesprochen. Der Leser muss sie selbst erschließen – oder bekommt die entscheidende Information erst ganz am Ende.

Jörn Birkholz, „Zug um Zug“ – Trauer mit ganz wenigen Worten

  • Worum es geht: Eine Geschichte über Trauer – erzählt in einer ungewöhnlich knappen, zurückgenommenen Form.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Gerade weil so wenig ausgesprochen wird, macht die Geschichte nachdenklich. Die Lücken muss der Leser mit seinen eigenen Gedanken füllen.

Ausführlich vorgestellt: Jörn Birkholz, „Zug um Zug“
https://textaussage.de/5-min-tipp-joern-birkholz-zug-um-zug-kurzgeschichte
5-Minuten-Tipp mit den wichtigsten Punkten zu Inhalt und Wirkung der Geschichte.

Von hier zur nächsten Geschichte: Birkholz sagt wenig, damit wir die Gefühle selbst spüren. Olsberg geht noch einen Schritt weiter – er hält eine wichtige Information bewusst zurück. Dadurch verstehen wir erst einmal gar nichts – und am Ende umso mehr.

Karl Olsberg, „Taubers Sammlung“ – ein Versteckspiel mit dem Leser

  • Worum es geht: Ein alter, einsamer Mann sammelt seltsame Dinge und hat Albträume. Erst spät stellt sich heraus: Jeder Gegenstand erinnert an einen glücklichen Moment im Leben anderer Menschen.
  • Die Auflösung: Nach und nach bezieht er Nachbarn in seine Sammlung ein, die eigene Glückserinnerungen beisteuern. Dadurch wird er stark genug, um sich seinem eigenen Unglück zu stellen: Er legt das Foto seiner Frau und seiner Zwillinge, die bei einem Unfall ums Leben kamen, zu der Sammlung. Die gemeinsame Zeit ist für ihn jetzt nicht mehr nur Schmerz, sondern auch Glück.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Die Geheimnistuerei ärgert einen als Leser zuerst. Dann sieht man aber ein: Nur so entstehen die nötige Aufmerksamkeit und am Ende das richtige Verständnis.

Ausführlich vorgestellt: Karl Olsberg, „Taubers Sammlung“
https://schnell-durchblicken.de/karl-olsberg-taubers-sammlung
Die Geschichte Abschnitt für Abschnitt erklärt – mit Leserlenkung, Aussagen und sprachlichen Mitteln.

Stufe 2: Alles läuft auf den Schluss zu

Von der vorigen Stufe hierher: Bei Olsberg löst sich die Spannung, weil ein Geheimnis gelüftet wird. Bei der nächsten Geschichte geht es um eine gefährliche Notlage – und die ganze Geschichte ist so gebaut, dass sie auf einen bewegenden Schluss zuläuft.

William M. Harg, „Der Retter“ – Rettung von unerwarteter Seite

  • Worum es geht: Eine Geschichte nicht nur für Tierliebhaber, sondern für alle, die wissen: Manchmal ist es etwas ganz Besonderes, das einem Menschen in einer Notsituation das Überleben ermöglicht.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Die Handlung spitzt sich immer weiter zu, bis eine Wende kommt. Der Schluss ist wunderbar gestaltet – eine wirklich tolle und herzanrührende Geschichte.

Ausführlich vorgestellt: William M. Harg, „Der Retter“
https://schnell-durchblicken.de/william-m-harg-der-retter
Genauere Vorstellung der Geschichte mit Blick auf Spannungsaufbau und Schluss.

Stufe 3: Wer redet mit wem – und wer sagt die Wahrheit?

Von der vorigen Stufe hierher: Bisher ging es vor allem um das Schicksal Einzelner. Jetzt richtet sich der Blick auf das, was zwischen Menschen passiert: wie sie miteinander reden, was sie verschweigen – und wann sie lügen.

Anders Tivag, „Unausgewogen“ – eine Geschichte, die fast nur aus Gedanken besteht

  • Worum es geht: Eine Gesprächssituation zwischen Menschen, bei der etwas nicht ganz im Gleichgewicht ist.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Äußerlich passiert kaum etwas. Die Geschichte besteht eigentlich nur aus Überlegungen zu dieser einen Kommunikationssituation.

Ausführlich vorgestellt: Anders Tivag, „Unausgewogen“
https://textaussage.de/anders-tivag-unausgewogen
Die Geschichte mit Erläuterungen zur Kommunikationssituation.

Von hier zur nächsten Geschichte: Wer über Kommunikation nachdenkt, landet schnell bei der Frage nach Wahrheit und Lüge. Darf man lügen, wenn es einem anderen hilft?

Irene Dische, „Liebe Mom, lieber Dad“ – eine Lüge, die hilft

  • Worum es geht: Eine Geschichte, in der eine Lüge nicht als etwas Schlechtes erscheint, sondern als notwendiges, weil hilfreiches Mittel.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Die Geschichte bringt den Leser dazu, eine Lüge zu verstehen – vielleicht sogar gutzuheißen. Das ist ein guter Anlass zum Diskutieren.

Ausführlich vorgestellt: Irene Dische, „Liebe Mom, lieber Dad“
https://textaussage.de/irene-dische-liebe-mom-lieber-dad-eine-luege-als-notwendiges-weil-hilfreiches-mittel
Vorstellung der Geschichte mit Blick auf die Frage, wann eine Lüge hilfreich sein kann.

Von hier zur nächsten Geschichte: Bei Dische täuscht ein Einzelner. In der nächsten Geschichte zeigt gerade die einseitige, enge Sicht des Erzählens, was in einer Gesellschaft schiefläuft.

Josianne Maas, „Konsequenz“ – eine einseitige Sicht, die etwas verrät

  • Worum es geht: Eine Kurzgeschichte, in der ein nur mühsam versteckter Rassismus sichtbar wird.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Die Geschichte wird seltsam eindimensional erzählt – also nur aus einer engen Sichtweise. Gerade dadurch merkt der Leser, was hinter dieser Sicht steckt.

Ausführlich vorgestellt: Josianne Maas, „Konsequenz“
https://textaussage.de/josianne-maas-konsequenz-erzaehltechnik
Genauer Blick auf die Erzähltechnik und das, was sie sichtbar macht.

Stufe 4: Alles nur im Kopf – eine Geschichte als Warnung

Von der vorigen Stufe hierher: Jetzt tritt der Erzähler noch einen Schritt zurück. Das Geschehen spielt sich ganz in seinen Gedanken ab – als Gedankenexperiment, das vor einer Gefahr warnen soll.

Günter Kunert, „Sintflut“ – eine Katastrophe, die keiner ernst nimmt

  • Worum es geht: Eine düstere Zukunftsvision, in der die „Sintflut“ aus dem Titel ganz langsam steigt. Der Erzähler beschreibt anschaulich die verschiedenen Stadien – und vor allem, wie die Menschen darauf reagieren.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Der Erzähler weiß alles und überblickt alles (man nennt das „auktorial“). Aber nichts davon wird als wirklich geschehen dargestellt – es existiert nur in seinem Kopf. Damit will er, letztlich wohl im Auftrag des Autors, die Menschen genau vor dieser Entwicklung warnen.
  • Vergleichstipp: Ähnlich wie in Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ geht es darum, dass Menschen eine Gefahr nicht erkennen oder verdrängen – nur dass es diesmal um Naturkräfte geht, nicht um böse Menschen.

Abitur-Tipp: Der Text war Teil der schriftlichen Abiturprüfung 2007 in Sachsen-Anhalt (Grundkurs Deutsch). Die Aufgabe lautete: Interpretieren Sie den Text – untersuchen Sie dabei die Haltung des Erzählers zum Dargestellten und erläutern Sie Intention und Wirkung des Textes. Genau hier spielt die besondere Erzähltechnik die Hauptrolle.

Stufe 5: Schnitt, Schnitt, Schnitt – Szenen nebeneinander wie im Film

Von der vorigen Stufe hierher: Zum Schluss die Geschichte, die sich am weitesten vom gewohnten Erzählen entfernt. Hier gibt es keine Handlung mehr, die schön der Reihe nach abläuft – stattdessen werden Orte und Momente hart nebeneinandergestellt.

Wolfgang Borchert, „An diesem Dienstag“ – Front und Heimat im schnellen Wechsel

  • Worum es geht: Kurze Situationen, die etwa zur gleichen Zeit passieren – einmal an der Front im Krieg, dann wieder in der Heimat.
  • Das Besondere an der Erzähltechnik: Die Geschichte ist wie eine Collage gebaut: lauter kleine Ausschnitte, die nebeneinanderstehen. Was die Szenen miteinander zu tun haben, muss der Leser selbst herausfinden.

Ausführlich vorgestellt: Wolfgang Borchert, „An diesem Dienstag“
https://schnell-durchblicken.de/wolfgang-borchert-an-diesem-dienstag
Vorstellung der Geschichte mit Blick auf die Collagetechnik.

Kleine Checkliste: So kommt man der Erzähltechnik selbst auf die Spur

Die Geschichten auf dieser Seite zeigen: Man muss keine Fachbegriffe auswendig können, um Erzähltechnik zu erkennen. Es reichen ein paar einfache Fragen an jeden Text:

  • Was erfahre ich – und was nicht? Wird etwas verschwiegen oder erst spät verraten (wie bei Olsberg)?
  • Wie viel wird über Gefühle gesagt? Werden sie ausgesprochen oder muss ich sie zwischen den Zeilen lesen (wie bei Birkholz)?
  • Aus wessen Sicht wird erzählt? Ist diese Sicht vielleicht einseitig – und verrät gerade dadurch etwas (wie bei Maas)?
  • Passiert das wirklich? Oder spielt sich alles nur in Gedanken ab (wie bei Tivag und Kunert)?
  • In welcher Reihenfolge wird erzählt? Schön nacheinander – oder springt die Geschichte zwischen Orten und Szenen hin und her (wie bei Borchert)?
  • Und die wichtigste Frage: Was bewirkt das beim Leser? Erst wenn man das beantworten kann, wird aus einer Beobachtung eine Deutung.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Weitere Infos, Tipps und Materialien